Die «Aluminium» ist Geschichte

In diesen Tagen werden an der Industriestrasse die letzten Gebäude des ehemaligen Aluminium-Areals abgebrochen. Auch das 1895 erstellte Wohnhaus von Georg Baum, dem Besitzer der einstigen Maschinenfabrik Rorschach.

Otmar Elsener
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Abbruch der ehemaligen Aluminiumwerke: Links das Wohnhaus von Georg Baum, Besitzers der ersten Rorschacher Maschinenfabrik. (Bild: Lothar Fach)

Abbruch der ehemaligen Aluminiumwerke: Links das Wohnhaus von Georg Baum, Besitzers der ersten Rorschacher Maschinenfabrik. (Bild: Lothar Fach)

RORSCHACH. Bagger sind an der Industriestrasse aufgefahren und reissen die letzten Bauten aus den frühen Jahren der Rorschacher Industriezeit nieder. An der Strasse, einst zu Recht Industriestrasse getauft, siedelten sich bedeutende Industrien der Stadt an, die Conservenfabrik Bernhard, später Roco, und südlich des Bahngeleises die Maschinenfabrik Baum, später die Aluminium AG, die Stickerei Zürn, später Feldmühle und Cellux.

Schlosser gründet Fabrik

Auf einer Karte der Stadt aus dem Jahr 1907 ist die Industriestrasse bereits über das Bahngeleise hinaus gebaut. Im noch unüberbauten Gebiet südlich der St. Galler Bahnlinie sind östlich der Strasse als einzige Bauten zwei lange Fabrikhallen der Baumschen Maschinenfabrik Rorschach und, nahe dem Bahnübergang, das Wohnhaus des Besitzers eingezeichnet. Georg Baum, der Gründer dieses damals bedeutendsten Betriebes der Stadt, war wie andere Rorschacher Industrielle aus Deutschland eingewandert und arbeitete 1870 als Maschinenschlosser bei Saurer in Arbon. Dort machte er sich 1875 selbständig und baute mit einem Partner, Otto Tritscheller, eine kleine Maschinenfabrik auf. 1889 verkaufte er seinen Anteil, zog nach Rorschach und gründete 1892 die Maschinenfabrik Rorschach. In den beiden Hallen wurden Stick-, Fädel- und Nähmaschinen produziert.

Kurze Blütezeit

Dem neuen Unternehmen läuft es ein Jahrzehnt lang sehr gut. Baums Maschinen sind in der boomenden Stickereiindustrie gefragt. Bereits 1895 lässt sich Baum nahe dem Bahnübergang vom Rorschacher Architekten Louis Kopp ein stattliches Wohnhaus bauen. Doch von Baum ist überliefert, dass er Produkte der Konkurrenz kopiert und Patentrechte verletzt. Auch können sich gute Mitarbeiter bei ihm nicht entfalten. Einer dieser frustrierten Mitarbeiter ist sein Verkaufsleiter Henry Levy, der 1897 zusammen mit einigen technischen Mitarbeitern aus der Firma austritt und eine eigene Textilmaschinenfabrik gründet, aus der später die heutige Starrag entsteht. Georg Baum stirbt 1903. Sein Sohn Fritz übernimmt das Unternehmen, erweist sich aber als nicht so geschäftstüchtig wie sein Vater. Im Februar 1910 muss er den Konkurs anmelden.

Eine neue Industrie

Die Gebäude geraten an Jules Dolder aus St. Gallen, der in den folgenden Jahren unter dem Namen Schweizerische Maschinenfabrik und Stahlwerk AG Rorschach in den ehemaligen Fabrikhallen einen neuen Typ von Stickautomaten produziert. Offensichtlich ohne Erfolg, denn die ganze Liegenschaft wird bald vom St. Galler Textilindustriellen Beat Stoffel aufgekauft, der mit seinem Unternehmen Cosmophos-Werke in den Hallen bis 1923 Batterien für Taschenlampen herstellt. Dann beginnt für die Backsteinbauten eine neue Ära. Stoffel beschliesst 1924, fortan Aluminiumfolien zu produzieren und lässt ein Walzwerk mit Geleiseanschluss erstellen. Die Cosmophos-Werke werden in Aluminiumwerke Rorschach umbenannt.

Das Ende nach 130 Jahren

Das ehemalige Wohnhaus von Georg Baum, das die Alu zu Büros umfunktionierte, stand bis heute, wenn auch nicht mehr in seiner ursprünglich eleganten Form. Auch die südlichste der von Baum erstellten Backsteinhallen blieb teilweise erhalten. Rundum entstanden die Werke der Alu oder AWR, die sich zu einem bedeutenden Arbeitgeber der Stadt entwickelte, mit bis zu 800 Mitarbeitern. Nach 66 Jahren wurde der Standort Rorschach 1990 aufgegeben. Nun werden alle Gebäude abgerissen, auch die 130jährigen, um dem Hochhaus Platz zu machen. Ein weiteres Stück Industriegeschichte der Stadt Rorschach geht damit zu Ende.

Briefkopf des ersten Industriebetriebes, der auf dem Gelände des heutigen Stadtwaldes mit den Hochhäusern beheimatet war. (Bild: Sammlung R. Weber)

Briefkopf des ersten Industriebetriebes, der auf dem Gelände des heutigen Stadtwaldes mit den Hochhäusern beheimatet war. (Bild: Sammlung R. Weber)

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