Detailhandel auf dem Abstellgleis

Mit der Finanzierung der Schnellzüge St. Gallen–Konstanz kurble der Staat den Einkaufstourismus an: Der Präsident der innerstädtischen Detailhandelsorganisation Pro City, Ralph Bleuer, ist empört und warnt vor «desaströsen» Folgen.

Daniel Wirth
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Schnellzüge bringen Einkaufstouristen ab Dezember in 35 Minuten von hier nach Konstanz – das bereitet dem St. Galler Detailhandel Sorgen. (Archivbild: Urs Bucher)

Schnellzüge bringen Einkaufstouristen ab Dezember in 35 Minuten von hier nach Konstanz – das bereitet dem St. Galler Detailhandel Sorgen. (Archivbild: Urs Bucher)

Mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember fahren täglich fünf Schnellzüge von St. Gallen nach Konstanz und in umgekehrter Richtung (Tagblatt vom 15. August). Die Zugfahrt dauert dann nur noch 35 Minuten. Die Kosten für die fünf Zugspaare betragen 750 000 Franken pro Jahr. Der Bund zahlt 39 Prozent, der Kanton Thurgau 34, der Kanton St. Gallen 11 und die Stadt und der Landkreis Konstanz zusammen 16 Prozent. Die Einführung der Züge stand aus finanziellen Gründen auf der Kippe. Dass sich der Staat für die Einführung der Schnellzüge eingesetzt hat, ist für Ralph Bleuer, den Präsidenten von Pro City, «absolut unverständlich». Er sei zu 100 Prozent überzeugt, dass der Detailhandel der Stadt St. Gallen wegen der Konstanz-Züge Umsatzeinbussen einfahren werde.

Euroschwäche ignoriert

Der Detailhandel in der Stadt habe wegen der Euroschwäche ohnehin schon einen schweren Stand, sagt Bleuer, der die Geschäfte der mit Büroartikeln handelnden Markwalder + Co. AG an der Kornhausstrasse führt. Mit den Konstanz-Schnellzügen werde dem Detailhandel in der Stadt ein weiterer Knüppel zwischen die Beine geworfen, empört sich Bleuer. Weil es am Zoll Kreuzlingen-Konstanz an Wochenenden regelmässig zu langen Staus komme, überlege sich heute manch ein St. Galler die Autofahrt über die Grenze. Mit den Schnellzügen nach Konstanz erhöhe die öffentliche Hand jedoch den Komfort für Einkaufstouristen. «Das ist desaströs für uns», sagt Ralph Bleuer. Der Pro-City-Präsident gibt seinem Unmut ganz offen Ausdruck: «Es kommt so weit, dass Einkaufstouristen in der Nähe des Bahnhofs ihre Autos in öffentliche Parkhäuser stellen, mit dem Zug nach Konstanz fahren, dort ihre Einkaufstaschen füllen, mit der Bahn heimkehren, die Ware ins Auto laden und nach Hause fahren.» Die Folge sei, dass potenzielle Kunden, die in St. Gallen einkaufen wollten, nicht mal mehr einen Parkplatz fänden. Die Aussagen Bleuers machen eines deutlich: Der Detailhandel in der Stadt sorgt sich.

Bazzi: «Deutsche fahren Auto»

Gian Bazzi, Präsident des Gewerbeverbands der Stadt St. Gallen, ist ebenfalls in Sorge wegen der neuen Schnellzüge nach Konstanz. Er drückt sich etwas gemässigter aus als der Pro-City-Chef: «Die Finanzierung der Schnellzüge nach Konstanz durch den Staat höhlt das Schaffen des einheimischen Gewerbes und Handels weiter aus.» Bazzi fügt hinzu, es dürfe sich dann halt einfach niemand wundern, falls hier weitere Betriebe und Läden schliessen, und darüber klagen, dass Arbeitsplätze und Lehrstellen verschwinden. Er glaubt auch nicht daran, dass viele Deutsche mit dem Schnellzug von Konstanz nach St. Gallen fahren, um hier einzukaufen. Bazzi: «Die Deutschen sind ein Volk der Autofahrer.» Den Zügen etwas Positives abgewinnen kann dagegen Frank Bumann, Direktor von St. Gallen-Bodensee Tourismus. St. Gallen werde bequemer und schneller zu erreichen sein von Konstanz aus, sagt Bumann. Die Region St. Gallen-Bodensee profitiere im Wettstreit mit anderen Destinationen von schnellen ÖV-Verbindungen. Dass die neuen Züge den Detailhandel verärgern, kann Bumann verstehen, wie er sagt.