Der Weltuntergang ist vertont

Sein täglich Brot verdient Georg Neufeld mit dem Komponieren von Soundtracks fürs Fernsehen. In seiner Freizeit hat der Musiker sieben Tracks geschrieben und produziert. Entstanden ist ein Album, das imposant klingt und Gefühle weckt.

Dominik Bärlocher
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Vollblutmusiker: Georg Neufeld hat seit dem Beginn seiner Musikerkarriere in den 1990er-Jahren über 50 000 Stunden Musik komponiert. (Bild: Ann-Marie Schmalz)

Vollblutmusiker: Georg Neufeld hat seit dem Beginn seiner Musikerkarriere in den 1990er-Jahren über 50 000 Stunden Musik komponiert. (Bild: Ann-Marie Schmalz)

Rorschach. Seit der Rorschacher angefangen hat, Musik zu komponieren, hat er über 7168 Gigabyte geschrieben und produziert. «Wie viele Lieder und Alben das sind, weiss ich nicht», sagt Georg Neufeld. Bei seiner bevorzugten Datenkomprimierung ergibt das etwa 52 279 Stunden Musik. «Wenn ich gefragt werde, was ich von Beruf bin, sage ich: Musiker», sagt er. Meist komme dann aber die Frage, was er denn tue, um Geld zu verdienen. Doch Neufeld macht Musik. Er komponiert Soundtracks für Dokumentationen von Fachhochschulen, legt als DJ in Clubs auf und mischt Alben von anderen Musikern. Von Katy Winter zum Beispiel. Das alles bewältigt er aus einer Wohnung in Rorschach, komplett mit eigenem Studio.

Dort hat er sein jüngstes Werk komponiert, eingespielt und verfeinert: «Die Neue Feldordnung» heisst das Album, das auf dem deutschen Netlabel Broque.de erschienen ist. «Lustigerweise ist der Albumtitel auch der Titel einer Dokumentation über Kornkreise», sagt der 37-Jährige mit einem Lachen. Am 18. März feiert er die Veröffentlichung des Albums in der Tankstell in St. Gallen.

«Die neue Feldordnung»

«Das Album ist eine Art Roadmovie», sagt der Musiker. Er habe den Weg der Welt beschrieben, vom Irrsinn der Konsumgesellschaft über Naturkatastrophen, den Tod und das, was danach kommt. Der erste Track auf dem Techno-Album, der dem Album auch den Titel gibt, beginnt mit einer Frauenstimme, die den Zuhörern erklärt wie man Hot Dogs «Chicago-style» zubereitet. «Das Wichtigste: kein Ketchup», sagt Neufeld und lacht, als die Frauenstimme dasselbe sagt. Chicago habe für ihn eine ganz besondere Bedeutung. «Dort ist die House-Musik entstanden und überhaupt: Chicago ist eine wunderschöne Stadt», sagt Neufeld.

Er lebt seine Musik, hebt seine Hand bei besonders imposanten Passagen, nickt mit dem Kopf bei anderen. «Jeder Ton ist genau dort, wo er sein muss», stellt er fest und hält inne. Zur Musik kommen dumpfe, fast zwitschernde Töne hinzu. «Das ist das Geräusch von Rorschacher Vögeln, die ich am Morgen vor meinem Fenster aufgenommen habe. Aber ich habe sie zwei Oktaven tiefer und langsamer abgespielt.»

Das Album ist seit dem 1. März gratis als Download verfügbar, nach vier bis fünf Monaten Produktionszeit. «Das Tolle an dieser Art der Veröffentlichung ist, dass ich Feedback von allen erhalten kann», sagt Neufeld. So ist «Die Neue Feldordnung» zu Lob von Ex-MTV-Moderator Markus Kavka gekommen: «Sehr episch, sehr düster, sehr smart, das ist Techno 2011», schreibt dieser.

Morgenmensch ohne Drogen

Und obwohl die Musik unverkennbar dem Genre des Techno zugeordnet werden kann – das Album klingt analog. «Das ist bewusst so, denn ich will, dass die Musik von Instrumenten gespielt werden kann», sagt Neufeld. Die meisten Producer können keine Instrumente mehr spielen, fügt er an. Er schon. Mit sechs Jahren hat Georg Neufeld begonnen, Klavier zu spielen, zwei Jahre später kam das Schlagzeug dazu. Bis heute spielt er seine Tracks zuerst auf der Gitarre ein. Er hat Musiktheorie und -ethnologie studiert und an Schulen unterrichtet.

«Ich bin aber ein wohl eher ungewöhnlicher Künstler», sagt er. Er nehme keine Drogen und stehe gerne früh am Morgen auf. «Das ist die beste Zeit, um Musik zu machen. Da ist die Welt noch so still», sagt er und klimpert nebenher auf seinem Klavier einige Takte und grinst.

Wie viel Musikstücke er komponiert und eingespielt hat, oder das wievielte Album «Die Neue Feldordnung» ist, weiss Georg Neufeld nicht. Es scheint ihn auch nicht zu interessieren. Er ist zufrieden, wenn er Musik machen kann. Viel interessanter ist aber eine grosse Kartonschachtel, die er mit Begeisterung öffnet. Der Inhalt: ein neuer Synthesizer.