Der Weltraumexperte

So oft abgehoben und dabei so bodenständig. Ein Gegensatz ist das nur auf den ersten Blick. Die Erde aus dem Weltall als Ganzes gesehen zu haben – mit eigenen Augen – das relativiert einiges.

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Claude Nicollier, einziger Schweizer Astronaut, der je im Weltall war. (Bild: Urs Jaudas)

Claude Nicollier, einziger Schweizer Astronaut, der je im Weltall war. (Bild: Urs Jaudas)

So oft abgehoben und dabei so bodenständig. Ein Gegensatz ist das nur auf den ersten Blick. Die Erde aus dem Weltall als Ganzes gesehen zu haben – mit eigenen Augen – das relativiert einiges. Unsere Welt nicht als Mittelpunkt des Universums, sondern als kleine, einsame Kugel, isoliert in einem unendlichen, schwarzen Vakuum. Claude Nicollier, 1944 in Vevey geboren, Vater zweier Töchter, Astrophysiker, Milizpilot bei der Schweizer Armee, Linienpilot und einziger Schweizer Astronaut im Weltraum, rührt im «Bären» Häggenschwil in seinem Kaffee. Im schwarzen Anzug, die weissen Haare millimeterkurz geschnitten, der Körper durchtrainiert, das Lachen herzlich. Dieser Planet sei eine absolute Ausnahme, sagt er. Darauf zu leben ein Privileg. «Deshalb müssen wir der Erde Sorge tragen.»

Raumanzug für eine Million

Als berühmt will sich der 67-Jährige nicht bezeichnen. «Ich war nur ein Beamter, der seine Arbeit gemacht hat», sagt er mit dem für Welsche typischen Akzent. Klar, es sei eine aussergewöhnliche Arbeit, räumt er ein. «Hoch und schnell und man kann sich nicht viele Fehler erlauben.» In Kürze wird er dem Publikum präsentieren, wie es ist, «dort oben» zu leben. «Für mich war es wie ein Traum, ein Paradies.» Eine Welt der Stille, von unglaublicher Schönheit. «Das hat mich tief berührt.» Viermal reiste Claude Nicollier zwischen 1992 und 1999 ins All, für insgesamt über 1000 Stunden. Mit 48 Jahren umkreiste er an Bord des Spaceshuttles Atlantis zum ersten Mal die Erde – gleich 136mal. Nein, mitgebracht habe er seinen Raumanzug nicht. Das wäre viel zu teuer. «Ein Raumanzug kostet eine Million, darum teilen sich mehrere Astronauten einen.» Nur die Handschuhe seien eigens für ihn gefertigt worden. Mit ihnen berührte er auf seinem Weltraumspaziergang am 23. Dezember 1999 erstmals das Weltraumteleskop Hubble. Eines seiner schönsten Erlebnisse im All.

Die Alderbuebe im Weltall

Auch abgesehen von der Raumfahrt sei sein Leben eine Ansammlung von Höhepunkten gewesen. «Wahrscheinlich gibt es keine gerechte Verteilung von Glück. Ich hatte zu viel davon.» Umso mehr schätze er es, anderen von einer Welt zu erzählen, die sie nicht selber erleben können. Speziell an Orten, in denen selten ein Astronaut vorbeikomme. «Und in Häggenschwil war vermutlich noch nie einer.» Nicollier schmunzelt. Er selber sei auf Einladung hierher gekommen für zwei Vorträge. Nicht geplant, dafür spontan entschieden, besuchte er die Häggenschwiler Schüler gestern zudem an der Lesenacht. Deren Thema: Anderswelten.

Trotz seiner 67 Jahre, pensioniert sei er nicht. Sein Wissen gibt er in Vorlesungen an der ETH Zürich und Lausanne an Ingenieure weiter. Zudem ist er an Bertrand Piccards Projekt «Solar Impulse» beteiligt und fliegt regelmässig mit einer Hunter-Maschine. Deren Foto trägt er stets bei sich – zuvorderst in seiner Papieragenda. Haben Sie einen Tip, was ich in St. Gallen anschauen könnte?, fragt Nicollier, bevor sich der Saal füllt. Der Vorschlag, dem Wetter zuliebe nach Appenzell zu fahren, gefällt ihm. Er sei ein grosser Liebhaber von Streichmusik, verrät er. «Ins Weltall nahm ich eine CD der Alderbuebe mit.»

Corinne Allenspach