«Der Vulkan ist noch in mir»

Bis Samstag zeigt die Ausstellung «80+» im Waaghaus das Kunstschaffen fünf alter Menschen. Eine Ausstellung, die Mut macht zu Kreativität jenseits des Pensionsalters.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Die Künstler Beat Wild, Ernst Bonda, Urs Hochuli, Ferrucio Soldati und Johanna Nissen an der Vernissage von «80+». (Bild: Ralph Ribi)

Die Künstler Beat Wild, Ernst Bonda, Urs Hochuli, Ferrucio Soldati und Johanna Nissen an der Vernissage von «80+». (Bild: Ralph Ribi)

Man werde langsamer im Alter, aber auch kritischer gegenüber der eigenen Arbeit, sagt Johanna Nissen. Die Textilkünstlerin mit Jahrgang 1931 ist mit eindrucksvollen Teppichen in der Ausstellung «80+» vertreten. Zwei davon stellen Vulkanimpressionen dar. «Der Vulkan ist immer noch in mir», sagt Johanna Nissen. «Die Kreativität nimmt im Alter nicht ab. Zur Ruhe komme ich auch nicht in Anbetracht der immer kürzer werdenden Zeit, die mir noch bleibt.»

Einblicke in die Persönlichkeit

Fast ein wenig wie eruptive Details zum Vulkangeschehen wirken die Bilder von Ferruccio Soldati. Krankheitsbedingt hat er sich als bereits Neunzigjähriger auch noch der digitalen Kunst zugewandt. Seine am Computer «gewischten» Bilder strahlen tänzerische Leichtigkeit und Eleganz aus. In die Stille gehen die reduzierten und an fernöstliches Denken erinnernden Arbeiten von Ernst Bonda, der auch mit Worten arbeitet. «Leise gewinnt gegen laut buchstäblich fünf zu vier», heisst es da über seinen Bildern – ein schönes Motto für die Ausstellung. Bonda sei in seiner Bildsprache «auf dem Weg zum Schweigen», schreibt Peter E. Schaufelberger. Der St. Galler Publizist hat einfühlsame «Persönliche Begegnungen» zu Papier gebracht, die Einblicke in die Persönlichkeiten der fünf Kunstschaffenden geben.

Als «in Kunst gegossene Lebenserfahrung» hat Stadtrat Nino Cozzio seine Begrüssung betitelt und freut sich über die Waaghaus-Ausstellung als Symbol des ressourcen- statt defizitorientierten Blicks auf das Alter.

Gegen das Vergessen

Die «80+»-Schau will dem Vergessen betagter St. Galler Kunstschaffender entgegenwirken, die vielleicht nicht im Internet präsent sind und altersbedingt den Aufwand einer eigenen Ausstellung scheuen. Der Organisator der Ausstellung, André Mégroz, versteht «80+» auch als Ehrung. «Die Aktion soll andere Menschen motivieren, im Alter aktiv zu sein.»

«80+» ist eine Kunstaktion, die man auch einem jüngeren Publikum empfehlen mag, das hierbei einiges lernt über die ungebrochene schöpferische Kraft im Herbst des Lebens. Aber auch über die Frische und Unmittelbarkeit, die Kreativität im Alter hervorbringen kann. Kuratiert wurde «80+» von den beiden St. Galler Künstlern Karl Fürer und Larry Peters.

Ein langer Weg und viel Mut

Textilkünstlerin Johanna Nissen hat auch einen Teppich zum Thema Sisyphos gestaltet: Künstlerisches Wirken als langer Weg, der Durchhalten verlangt und den Mut des Immer-wieder-erneut-Versuchens ausdrückt.

Bewunderung hat Johanna Nissen für ihre Kollegen Beat Wild und Urs Hochuli. Von Wild sind kleine feine Architekturzeichnungen und sensible konstruktivistische Skizzen zu bestaunen. Und Hochuli holt mit dem Zeichenstift die faszinierende Bergwelt aufs Papier. «Urs Hochulis Zeichnungen sind technische Meisterleistungen», schwärmt Johanna Nissen. «In diese Bergwelten möchte ich richtig hineinklettern.»

«80+» soll keine einmalige Aktion bleiben. Stadtrat Nino Cozzio denkt bereits über eine Neuauflage des Anlasses nach, der an der Vernissage über dreihundert Besucher ins Waaghaus lockte.

Die Ausstellung «80+» ist im Waaghaus bis 14. März zu sehen; Di–Fr, 14–18.30 Uhr; Sa: 11–17 Uhr

Aktuelle Nachrichten