Der vielgereiste Amtsnotar im Migrationsamt

Jeden Morgen wochentags steigt Jürg Eberle in Weesen in den Zug – und eine Stunde später in St. Gallen wieder aus. Seit drei Monaten ist dies der Arbeitsweg des 47-Jährigen, denn seit Oktober ist Eberle Leiter des Migrationsamtes St. Gallen.

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Jürg Eberle, der neue Leiter des Migrationsamtes, in seinem Büro in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Jürg Eberle, der neue Leiter des Migrationsamtes, in seinem Büro in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Jeden Morgen wochentags steigt Jürg Eberle in Weesen in den Zug – und eine Stunde später in St. Gallen wieder aus. Seit drei Monaten ist dies der Arbeitsweg des 47-Jährigen, denn seit Oktober ist Eberle Leiter des Migrationsamtes St. Gallen. Der lange Arbeitsweg störe ihn nicht, sagt Eberle. «Im Gegenteil, dadurch kann ich Privat- und Arbeitsleben bestens voneinander trennen.» Ausserdem nutze er die Zugfahrt dafür, sich auf Sitzungen vorzubereiten oder in aller Ruhe Zeitung zu lesen.

An einem Strick ziehen

Tritt Jürg Eberle durch die riesige Eingangspforte des Verwaltungsgebäudes an der St. Leonhard-Strasse, ist es mit der Ruhe vorbei. Als Leiter des Migrationsamtes hat er alle Hände voll zu tun – wenn auch nicht direkt mit den Anliegen der Migranten oder Asylbewerber selber. Zu seinen Aufgaben gehören die Führungs- und die Medienarbeit sowie die Personalpolitik.

«Am wichtigsten ist aber die Vorbildfunktion. Und als Vorbild bin ich motiviert und möchte meine Mitarbeiter damit anstecken», sagt er. So hat sich Eberle, der Mitglied der CVP ist, in den ersten drei Monaten seiner Amtszeit vor allem darum bemüht, seine Mitarbeiter und die Arbeitsabläufe kennenzulernen. Am meisten überrascht hat ihn die gute Stimmung, die im Migrationsamt herrsche. «Alle ziehen hier an einem Strick und sind gemeinsam darum bemüht, Abläufe zu verbessern», sagt er. «Es ist fast wie in einer Grossfamilie.»

140 Mitglieder zählt die «Migrationsamt-Familie» – eine höfliche Familie. Im Migrationsamt sei es üblich, dass er und seine Mitarbeiter sich siezten, sagt Eberle. Sich selber beschreibt er aber nicht nur als motiviert, sondern auch als einer, der sich in die Aufgaben hineinknie. «Das rührt daher, dass ich mir schon als Schüler alles mit Effort erarbeiten musste.»

Nach seiner Schulzeit beginnt Eberle eine KV-Lehre auf der Gemeinde in Jona und merkt schnell, dass ihn das Grundbuchamt interessiert. Daher macht er nach dem Lehrabschluss die Prüfung zum Grundbuchverwalter. Danach folgt Jürg Eberles «beste Zeit», wie er sie selbst beschreibt. Er geht, 26jährig, für zwei Jahre ins Ausland. Zuerst nach Oklahoma City in eine Sprachschule, dann nach Kanada, Neuseeland, Australien und Südostasien.

«Ich reiste allein, lernte viele Leute kennen und dadurch vor allem mich selber», sagt er. «Ich würde sagen, in dieser Zeit habe ich mich am stärksten entwickelt.»

Zurück in der Schweiz, bildet sich Eberle zum Rechtsagenten weiter. 1997 wird er zum Bezirksammann des damaligen Bezirks See gewählt. Nach der Aufhebung der Bezirke und damit der Bezirksämter See und Gaster leitet er bis zur Berufung ins Migrationsamt das Amtsnotariat See-Gaster in Rapperswil-Jona.

Computer statt Papier

Der grösste Unterschied zwischen seinem früheren Job als Amtsnotar und seinem Job als Leiter des Migrationsamtes sei, dass er nicht mehr operativ tätig sei. «Manchmal fehlt mir der direkte Kontakt zu den Kunden, wie ich ihn als Amtsnotar hatte.» Als Leiter des Migrationsamtes sei er zudem nicht für die Migrationspolitik zuständig, sondern dafür, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen.

Ein zweiter Unterschied ist für Eberle die Umstellung von Papier auf Computer. Das Migrationsamt habe in Sachen EDV einen hohen Standard. Alles, auch die Ablagesysteme, sei über Netzwerke geregelt und nicht wie im Amtsnotariat See-Gaster in Ordner geheftet und in Bücherregale einsortiert. «Meine eigene Festplatte herunterfahren kann ich dann wieder abends, wenn ich in den Zug einsteige und zu meiner Frau, dem Hund und der Katze nach Hause fahre.» Nina Rudnicki