Der Versuch, Weihnachten abzuschaffen

Übermorgen Sonntag beginnt der Advent. Weihnachten rückt damit näher. Für das Wissenschaftscafé im Textilmuseum der richtige Zeitpunkt, über den Sinn des Festes in der heutigen Zeit zu diskutieren. Über unerfüllte Erwartungen, die Kommerzialisierung und den «richtigen» Umgang mit Weihnachten.

Marlen Hämmerli
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Muss Weihnachten überhaupt sein? Sibylle Minder Hochreutener moderierte am Donnerstag die Diskussion über diese provokative Frage mit Jürg Niggli, Carmela Lüchinger und Franz Kreissl (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Muss Weihnachten überhaupt sein? Sibylle Minder Hochreutener moderierte am Donnerstag die Diskussion über diese provokative Frage mit Jürg Niggli, Carmela Lüchinger und Franz Kreissl (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Nächsten Sonntag brennt die erste Kerze des Adventskranzes. Damit beginnt die Vorbereitung auf Weihnachten. Doch muss Weihnachten überhaupt sein? Oder hat das Fest durch die Kommerzialisierung seinen Sinn verloren? Diesen Fragen stellten sich am Wissenschaftscafé eine Expertin und zwei Experten. Sibylle Minder Hochreutener, Prorektorin der Fachhochschule St. Gallen, moderierte die Diskussion.

Jedem eigene Weihnachten

Schnell wurde klar: Weihnachten ist nicht sinnlos, sondern bedeutet heute beinahe zu viel. «Weihnachten ist geradezu aufgeladen mit Kindheitserinnerungen und Erwartungen», sagte der Geschäftsführer der Stiftung Suchthilfe Jürg Niggli. Das erlebt auch Carmela Lüchinger, Inhaberin der Weihnachtsschmuck-Galerie Lüchinger. Viele Familien hätten genaue Vorstellungen, wie es sein sollte. «Aber für jeden bedeutet es etwas anderes.» «Diese Erwartungen prallen aufeinander», sagte Niggli. Dem pflichtete der katholische Theologe Franz Kreissl bei: Viele der an Weihnachten gestellten Erwartungen seien unrealistisch. «Man kann nicht 362 Tage im Jahr miteinander streiten und dann plötzlich drei Tage lang friedlich sein.» Auf den Punkt brachte es Niggli: «Verantwortlich für unsere vielen Erwartungen sind wir selbst. Wir entscheiden selbst darüber, wie wir Weihnachten feiern.»

Der Versuch einer Abschaffung

Vielleicht sollte man Weihnachten abschaffen, meinte Moderatorin Minder Hochreutener. Für Lüchinger unvorstellbar.

«In der DDR wurde das erfolglos versucht», erzählte Franz Kreissl. Für ihn würden aber Geschenke einfach dazu gehören. Angesprochen auf die Kommerzialisierung, wurde Lüchinger nachdenklich: «Weihnachten ist ein wichtiger Wirtschaftszweig.» Inzwischen werde ein Grossteil des Jahresumsatzes während dieser Zeit gemacht. Niggli meinte, er kenne keine Lösung. An dieser Kommerzialisierung seien aber alle mitbeteiligt. Franz Kreissl erkannte die Kommerzialisierung auch in den Weihnachtsmärkten. Diese seien vergleichbar mit den Jahrmärkten: «In jedem Dorf gibt es sie inzwischen. Überall verkaufen sie dieselben Dinge.» Jene Märkte, die nur Selbstgemachtes verkauften, hätten nicht grundlos einen enormen Zulauf. «Ich bin überzeugt: Qualität wird sich durchsetzten.»

Entspannte Weihnachten feiern

Mit welchen Tips und Tricks man denn schöne Weihnachten feiern könne, wollte Minder Hochreutener wissen. Da waren sich die Expertin und die Experten einig: Man müsse frühzeitig miteinander sprechen, Erwartungen klären und Übereinstimmungen suchen. «Weihnachten ist hoch emotionalisiert. Da sollte man einander nicht überfordern», sagte Kreissl. Lieber weniger machen. «Es braucht nicht ein 5-Gänge-Menu.» Niggli war derselben Meinung: «Erwartungen sollten gedämpft und das Zusammensein sollte entschleunigt werden.» Er wünsche sich, dass die Leute mehr Dankbarkeit empfinden würden. «Freude spüren und diese weitergeben.»