Der vergessene Aussichtspunkt

Das Lindeli in Bruggen war einst eine unspektakuläre Wiese mitten im Grünen. Längst ist die Stadt bis an den Hügel herangerückt. Doch noch immer ist das Lindeli ein idyllischer Rückzugsort.

Roger Berhalter
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Bäume wie aus dem Bilderbuch: Die mächtigen Linden gaben dem Lindeli in Bruggen seinen Namen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bäume wie aus dem Bilderbuch: Die mächtigen Linden gaben dem Lindeli in Bruggen seinen Namen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Linden sind wie aus dem Bilderbuch. Zuoberst auf dem Hügel thronen symmetrische, ausladende Baumkronen auf mächtigen Stämmen. Das Lindeli in Haggen ist ein wenig bekannter Aussichtspunkt in der Stadt. Das dürfte auch daran liegen, dass die Wiese ringsum von Wohnhäusern umschlossen und von nirgendwo einsehbar ist. Erst nach einem kurzen Aufstieg zeigt das Lindeli seine Pracht.

Vom Dorf zur Stadt

«Mit allen meinen Besuchern komme ich zuerst hier herauf», sagt Edith Buschor. Seit 50 Jahren wohnt sie im Quartier, und die 80-Jährige kennt das Lindeli noch aus einer Zeit, als es nicht mitten im Wohngebiet, sondern im Grünen lag. Als sie 1965 nach Haggen zog, wähnte sich Edith Buschor noch im Dorf, die Stadt war weit weg. Erst ab Ende der 1960er-Jahre fuhren im Quartier im grösseren Stil Baukranen auf, zogen Einfamilien- und Reihenhäuser in die Höhe, später folgten Grossprojekte wie die Siedlung Wolfganghof, der markante gelbe Wohnblock Boppartshof sowie 600 neue Wohnungen im Gebiet Rosenbüchel, Hechtacker und Bernhardswies.

Die Stadt ist also nah an das Lindeli gerückt, und nach wie vor wird ringsum gebaut. Am Bahnhof Haggen ebnen Bagger gerade den Grund für einen Grossbau mit 150 Wohnungen, und nächstes Jahr kommen auf die Wiese vor dem Restaurant Schlössli vier Gebäude mit 50 Mietwohnungen zu stehen.

Vom Bodensee bis zum Säntis

Das Lindeli aber bleibt grün. Als idyllischer Gegenpol thront die Wiese über dem Quartier und bietet an schönen Tagen grossartige Aussichten: Am Horizont leuchtet blau der Bodensee, sogar das deutsche Ufer ist zu erkennen. Man sieht im Osten bis zum Postturm am Bahnhof, im Westen blickt man über die AFG Arena hinweg in Richtung Gossau und Fürstenland. Im Süden präsentiert sich ein Postkarten-Panorama: Zuhinterst liegt der Alpstein mit den Spitzen von Säntis und Hohem Kasten, davor breitet sich die appenzellische Hügellandschaft mit ihren Kuhweiden und Bauernhöfen aus, dann legen die Baumkronen vor der Sitterschlucht ein grünes Band, bevor einem die Dächer von Haggen zu Füssen liegen.

Viel los ist hier nicht. Bei der Stadt, die als Eigentümerin das Lindeli verpachtet, weiss man von keinen Anlässen, die hier stattfinden, und auch die Pfadi zündet kein 1.-August-Feuerwerk mehr so wie früher. An diesem Feriennachmittag schlendert nur ein einsamer Hündeler über den Bänkliweg, der quer über die Wiese führt. Ein leerer Bierkarton neben einer Sitzbank zeugt davon, dass hier kürzlich ein paar (jugendliche?) Trinker die Aussicht genossen haben.

Auf Umwegen zur Schule

«Den gepflasterten Weg gab es früher nicht», sagt Edith Buschor. Sie erzählt vom Villenbesitzer nebenan, der einst zusätzliches Land kaufte, um den Schulkindern den Weg übers Lindeli zum Schulhaus Boppartshof zu versperren. Dabei sei der Weg schon provisorisch im Stadtplan verzeichnet gewesen.

Heute lässt sich der Hügel über Pfade und Treppen von drei Seiten her erkunden. Allerdings nur zu Fuss, eine direkte Zufahrt ist nicht möglich, was zur Idylle beiträgt. Überhaupt wäre das Lindeli heute beste (und teuerste) Wohnlage. Bleibt zu hoffen, dass der Hügel als grünes Bijou noch lange Bestand hat.

Bild: ROGER BERHALTER

Bild: ROGER BERHALTER