Der Velofahrer ist selber schuld

RHEINTAL. Ein Vorarlberger Rentner ist beim Velofahren wegen einer Schlauchbrücke gestützt. Er klagte gegen den Schweizer Bauern, der den Schlauch über die Strasse gelegt hatte. Das Kreisgericht sprach den Bauern frei.

René Schneider
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Der Schlauch führte vom Binnenkanal bei Rüthi über den Radweg auf ein Gemüsefeld (rechts), jetzt ist dort eine Wiese. (Bild: René Schneider)

Der Schlauch führte vom Binnenkanal bei Rüthi über den Radweg auf ein Gemüsefeld (rechts), jetzt ist dort eine Wiese. (Bild: René Schneider)

RHEINTAL. Hunderte oder Tausende von Velofahrern meisterten die jährlich während einiger Sommerwochen aufgebaute Schlauchbrücke über den Fuss- und Radweg am Binnenkanal bei Rüthi. Ein 70-jähriger Vorarlberger übersah den Schlauch der Bewässerungsanlage, fuhr mit seinem Rennvelo dagegen, stürzte und verletzte sich erheblich. Mit einem Schweizer Anwalt klagte er gegen den Bauern. Dieser habe das Hindernis zu wenig deutlich markiert. Die Schlauchbrücke sei in schlechtem Zustand und zu steil gewesen. Der Bauer habe seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt. Der Velofahrer forderte in seiner Zivilklage die Verurteilung des Bauern wegen fahrlässiger Körperverletzung und Störung des öffentlichen Verkehrs sowie 61 000 Franken Schadenersatz.

Staatsanwalt stellt Verfahren ein

Die Staatsanwaltschaft ermittelte – und stellte das Verfahren ein. Dagegen rekurrierte der Kläger bei der Anklagekammer, die den Fall ans Kreisgericht überwies. Der klagende Anwalt verdeutlichte seine Sicht mit einem Beispiel: Wenn eine Skipiste an einem Abgrund vorbeiführt und ein Skifahrer abstürzt, könne sich der Pistendienst nicht mit dem Hinweis um die Verantwortung drücken, Tausende anderer Skifahrer hätten die Gefahrenstelle problemlos gemeistert. Der Bauer hätte den Schlauch über dem Radweg besser sichern und zu den (stundenweisen) Betriebszeiten von einem Mitarbeiter überwachen lassen müssen. Der Verteidiger des Bauern argumentierte, sein Mandant habe den Schlauch mit Lichtern und Warn-Dreiecken gesichert. Dass ein Teil der Sicherung von Unbekannten entfernt worden sei, könne nicht dem Bauern angelastet werden. Dieser habe seine Sorgfaltspflicht erfüllt. Der Velofahrer habe auf der schnurgeraden, übersichtlichen Stecke bei schönstem Wetter das auffällige Hindernis aus Unaufmerksamkeit übersehen.

Unaufmerksam gewesen

Der Einzelrichter schloss sich dieser Sichtweise an und sprach den Bauern in beiden Anklagepunkten frei. Der Velofahrer sei unaufmerksam gewesen, indem er bei Sonnenschein und bester Sicht den Schlauch nicht gesehen habe. Ähnlich habe schon der Staatsanwalt den Fall beurteilt und darum zu Recht das Verfahren eingestellt. Als «lebensfremd» bezeichnete der Richter in seiner mündlichen Urteilsbegründung die Forderungen des klagenden Anwalts, der Bauer hätte die Sicherungen diebstahlsicher anbringen und zu Betriebszeiten jemanden zum Hindernis stellen müssen. Dass ein Warn-Dreieck nur zwanzig statt fünfzig Meter vor dem Hindernis gestanden habe, sei kein Vergehen. Das reiche als Bremsweg für ein Velo.

Die Verfahrenskosten von 2500 Franken auferlegte der Richter dem Staat. Der Velofahrer muss dem Bauern die Anwaltskosten vergüten. Die Schadenersatz-Forderung verwies der Richter auf den Zivilweg.