Der Vater links, die Mutter rechts

Das Goldacher Familienbad eröffnet morgen die neue Badesaison. Nicht immer konnten Familien gemeinsam eine Badeanlage geniessen. Männer und Frauen samt Kindern waren einst am Land und sogar auf dem See strikt getrennt.

Otmar Elsener
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Die Holzgebäude im Männerteil der alten Badi Goldach. Die Brettertrennwand links zum See am Betriebsgebäude trennte die Frauen- von der Männerbadi. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Die Holzgebäude im Männerteil der alten Badi Goldach. Die Brettertrennwand links zum See am Betriebsgebäude trennte die Frauen- von der Männerbadi. (Bild: Tagblatt-Archiv)

GOLDACH. Ab Samstag können die Goldacher und die Bewohner der Region wieder das wohl schönste Strandbad am st. gallischen Bodenseeufer geniessen. Es ist bald 80 Jahre her, seit an der Goldachmündung eine öffentliche Badeanlage eingerichtet wurde. Eine einfache, mit Eternit gedeckte und mit Brettern verschalte Badehütte auf der Liegenschaft Seegarten diente ab 1922 den Goldachern als Umkleidelokal. Im Sinne der damaligen Moralvorstellungen durfte nur geschlechtergetrennt gebadet werden. Weil das Geld für eine Bretter-Trennwand fehlte, schrieb die Gemeinde für Männer und Frauen gesonderte Badezeiten vor. Diese Vorschriften wurden oft übertreten und es gab auch Klagen über die primitive Einrichtung. Daher beschlossen Schul- und Gemeinderat 1929 eine richtige Badanstalt zu schaffen, aber selbstverständlich immer noch mit Trennung für die Geschlechter. Im Sommer 1932 wurde die neue Anlage eröffnet.

Badmeister Ernst Keller

Gebaut wurde eine U-förmige Anlage aus Holz, umgeben von einer hohen Bretterwand. Der Weg zur Badi führte über das noch heute mit abgeschliffenen Steinplatten belegte Weglein unter schattenspendenden Bäumen entlang der Goldach und bog dann ab auf den stets heissen Kies zwischen den Bretterwänden Richtung Treppe zum Eingang. Im Mittelbau wurden Eintrittsbillette, Gebäck und Erfrischungen verkauft. In den seitlichen Bauten befanden sich Einzelzellen und gedeckte, offene Umkleidepavillons. Der Holzduft steckt vielen Badegästen noch heute in der Nase. Badmeister Keller, der drei Jahrzehnte den Betrieb in der «alten Badi» streng beaufsichtigte, verbinden viele ältere Goldacher mit Sommertagen am See in ihrer Jugendzeit. Den strikt nach Geschlechtern getrennt geführten Betrieb beschrieb der kürzlich verstorbene alt Gemeindammann Hans Huber in seinem Buch «Goldachs Wasserwege» launisch: «Die Männerabteilung war vom Frauenbad durch zwei hohe Bretterwände getrennt. In den See hinaus führte ein ebenso hoher Drahtzaun. Wehe, wenn sich ein junger Bursche erfrechte, schwimmend die Frauenabteilung zu erreichen. Ein schriller Pfiff aus dem Badmeisterhäuschen holte ihn zurück. Es gab ein Frauen- und ein Männerfloss. Wenn dann die Familie am schönen warmen Sonntag nach dem Gottesdienst zur Badi hinunterzog, verschwand der Vater mit dem Sohn durch die linke Baditür, während die Mutter mit der Tochter auf die rechte Seite ging. Zum Austausch von Nachrichten trafen sie sich am Trennzaun im See. Astlöcher im Bretterzaun hatte der Badmeister mit Blechstücken zu vernageln. Spitzbadehosen waren verboten, der Bikini noch unbekannt und damit war auch die heile Welt des Dorfes bis zum See hinunter gewährleistet.»

Badi wird Familienbad

Erst 1947 wurden die strengen Regeln gelockert. Beim Bau des Springturms kam die Erkenntnis, dass eine Trennung auf dem Wasser eigentlich überholt sei. Die Gemeinde legte den Männern – es gab noch kein Frauenstimmrecht – den folgenden Antrag zur Abstimmung vor: «Die Geschlechtertrennung in der Seebadanstalt Goldach ist auf das Land zu beschränken, wobei auch der zeitweilig nicht mit Wasser bedeckte Seegrund als Land anzusprechen ist. Ausser der Wassergrenze ist somit die Geschlechtertrennung aufzuheben.» 371 Nein-Stimmen gegenüber 436 Ja-Stimmen zeigen, dass die Einsicht noch nicht überall durchgedrungen war.

Es dauerte nochmals zehn Jahre, bis 1958 ein Goldacher an der Bürgerversammlung die endgültige Umänderung in ein Gemeinschafts- und Familienbad verlangte. Der Gemeinderat weigerte sich, die Badi in ein allgemeines Gemeinschaftsbad umzuwandeln, war aber bereit, ein Familienbad anzugliedern. Vom Kanton wurde Land gepachtet für eine neue Frauenabteilung und die bisherige Frauenabteilung in ein Familienbad umfunktioniert. Es galt fortan das Reglement: «Die Seebadanstalt besteht aus drei auf dem Land getrennten Abteilungen, für Männer, Frauen und Familien. Zum Familienbad haben verheiratete Personen sowie Kinder in Begleitung der Eltern Zutritt.» Doch die Zeiten änderten sich und mit ihnen die Moralvorstellungen. Die Trennung Frauen- und Familienbad wurde bald stillschweigend und ohne Proteste aufgehoben, jedoch die Männerabteilung noch einige Jahre beibehalten.

Endlich Gemeinschaftsbad

Mit der Zeit genügte die Badi dem sommerlichen Ansturm der wachsenden Bevölkerung von Goldach nicht mehr. Auch die Holzbauten aus 1932 hatten ausgedient. 1979 bewilligte die Bürgerschaft den Bau einer neuen Anlage mit einem zweistöckigen Betriebsgebäude mit gedecktem Restaurant und Umkleidekabinen. Weil damals die Seeverschmutzung im Rietli erschreckend zugenommen hatte – Kläranlagen für die Region waren erst im Bau – entschied man sich auch für den Bau eines Lehrschwimmbeckens. Für die stets im alten Männerbad Fussball spielenden Männer und Buben wurde in der Anlage ein grosses Spielfeld erstellt. Kaum gebaut, zählte das neue Bad im Sommer 1982 bereits 53 000 Besucher, im Rekordsommer 1994 sogar 82 000. Auch 2014 wird das Goldacher Strandbad eines der beliebtesten in der Region bleiben.

Quellen: OT-Archiv und Hans Huber-Anderes, Goldachs Wasserwege, E. Löpfe-Benz AG 1995.

Der Eingang zur alten Badi, eingerahmt von Bretterwänden. Links im Eingangsgebäude der Zugang für Männer, rechts für die Frauen. (Bild: Gemeinde Goldach)

Der Eingang zur alten Badi, eingerahmt von Bretterwänden. Links im Eingangsgebäude der Zugang für Männer, rechts für die Frauen. (Bild: Gemeinde Goldach)

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