Der überflüssige Goldreif

«Der Ring des Anstosses», 17.8.2012

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Der geplante Goldreif über dem Altar in der Kathedrale. (Bild: Visualisierung: pd)

Der geplante Goldreif über dem Altar in der Kathedrale. (Bild: Visualisierung: pd)

«Der Ring des Anstosses», 17.8.2012

Die vom Katholischen Kollegium beschlossene Neugestaltung des Rotundenaltars in der St. Galler Kathedrale gliedert sich durch seine Plazierung vor den weit geöffneten Armen des Chorgitters und durch die querovale Gestaltung der Altarinsel gut in die historische Architektur ein. Das Bild zum Projekt, aufgenommen mitten unter den Bankreihen der Rotunde, zeigt die installierte 1:1-Attrappe des Goldreifes über dem Altar in seiner ganzen bedrohlichen Grösse.

Diesen grossen Ring mit einem Altarbaldachin zu vergleichen fällt schwer. Ein Altarbaldachin, in der Fachsprache Ziborium genannt, ruht auf vier Säulen und bezieht sich nur auf den Altartisch, die Mensa, sowie auf das Heiligengrab, welches im Altarschrein oder in der Krypta unmittelbar unter dem Altar liegt. Das geographisch nächstliegende Beispiel eines Ziboriumaltars befindet sich in Sant' Ambrogio in Mailand aus dem 12. Jahrhundert.

Der geplante in St. Gallen geplante Goldreif ist eine überflüssige Doppelspurigkeit zum kreisrunden Kranzgesims der Rotunde. Schwerer wiegt die Tatsache, dass der Ring die grossen architektonischen Linien der Rotundenarkaden «zerschneidet», wie Fachleute zu Recht kritisieren.

Das von einem emeritierten Architekturprofessor geäusserte Pro-Ring-Argument, der Reif sei «reversibel», kann ja nicht ernst gemeint sein. Man gibt nicht eine Stange Geldes aus, mit dem einkalkulierten Risiko, das Geld (Steuergeld!) könnte unnütz verwendet werden.

Welcher Teil der Gesamtkosten von 1,6 Millionen Franken für den Goldreif budgetiert ist, möchte der Laie gern erfahren. Das durch den Verzicht auf den Ring gesparte Geld könnte für weitere dringliche Aufgaben beiseite gelegt werden: für die umfassende Entstaubung der Kathedrale nach dem Vorbild von Einsiedeln oder für die endliche Restaurierung des Hochaltarbildes, das Francesco Romanelli um 1645 in Rom gemalt hat, das aber der Epigone Josef Keller um 1810 stark übermalte. Diese Restaurierung ist eine heikle Aufgabe, der die grosse Innenrenovation der 1960er-Jahre sich nicht gestellt hat.

Erich Oberholzer

Tutilostrasse 14, 9011 St. Gallen