Der stille Wettermann

Karl Vögeli hat die Wetterstation an der Poststrasse restauriert. Zu dieser Aufgabe kam er einst eher zufällig. Sein Arbeitgeber, die Firma Krüger, verkaufte auch meteorologische Instrumente.

Fredi Kurth
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Karl Vögeli zeigt in seiner Werkstatt in Degersheim ein Stück aus einer alten Wetterstation: Ein Barometer. (Bild: Urs Bucher)

Karl Vögeli zeigt in seiner Werkstatt in Degersheim ein Stück aus einer alten Wetterstation: Ein Barometer. (Bild: Urs Bucher)

Wetterexperten kennt man primär von den Wetterprognosen am Fernsehen. Wortgewandt und gestenreich erklären sie die Wanderung von Hoch- und Tiefdruck-Gebieten. Doch es gibt auch Wetterexperten, die still und leise im Hintergrund ihre Arbeit verrichten. Karl Vögeli gehört zu den zahlreichen Wetterfröschen, die nicht quaken. Aber er hat viel zu erzählen.

Wertarbeit

Wetterstationen gibt es mehr, als man vermuten könnte. Wie viele es in der Region genau sind, darüber existiert jedoch keine Auflistung. Aber die meisten alten Wettersäulen stammen von der Firma Wilhelm Lambrecht in Göttingen, die seit 1859 meteorologische Instrumente herstellt. Karl Vögeli revidiert und installiert sie im Auftrag der Schweizer Vertretung, der Firma Panatec AG in Stäfa. So auch die Wetterstation an der Poststrasse in St. Gallen.

Die Sanierung der Poststrasse war der Anlass, auch das schlanke Wetterhäuschen mit dem typischen Zwiebeldach zu überholen. So viel gab es nicht einmal zu tun, zumindest nach Vögelis Einschätzung. Denn was damals in Norddeutschland hergestellt wurde, war beständige Wertarbeit. Barometer, Thermometer und Feuchtigkeitsmesser funktionierten alle noch, als Vögeli die Station öffnete. Einzig das Registriergerät, der Meteorograph, wurde 1974 ausgewechselt. Über eine Woche war Vögeli dennoch beschäftigt. Denn die Anlage in alle Einzelteile zu zerlegen, so auch jene eines Uhrwerks, sie zu reinigen, die Instrumente zu kalibrieren und alles wieder zusammenzusetzen, erfordert geduldige Filigranarbeit.

Station circa hundert Jahre alt

Die Wetterstation an der Poststrasse wurde zwischen 1900 und 1915 bei Lambrecht in Göttingen gefertigt. Wann genau sie in St. Gallen montiert wurde und durch welche Firma, konnte nicht ausfindig gemacht werden.

Das Wetter wird heute im Prinzip immer noch nach alten Methoden gemessen, allerdings vermehrt mit Sensoren. «Die Geräte der modernen Wetterstationen halten nicht mehr so lange wie die früheren», sagt Vögeli. «Aber das ist gar nicht erwünscht. Man will immer die modernsten Instrumente.» Die elektronische Datenerfassung und die Computer-Berechnungen würden immer präzisere Prognosen ermöglichen.

Blond bevorzugt

Viele mechanische Hygrometer messen die Feuchtigkeit aber heute noch mit integrierten Menschenhaaren. Meistens blonde Haare, weil sie sich weiter ausdehnen als dunkle. Vögeli zeigt in seiner Werkstatt in Degersheim einen schlanken Haarstrang. Von wem sie wohl stammen? Popstar Rod Stewart hat einmal gesungen: «Blondes have more fun.» Deren Beitrag zugunsten der Meteorologie hat er kaum gemeint.

Für Vögeli sind die alten Wetterstationen bei guter Wartung und Pflege trotz fehlender Computer-Unterstützung immer noch genau. Gemäss «Einführung in die Wetterkunde» (Verlag Lambrecht) aus dem Jahr 1899 kann man anhand von sogenannten Zeigerbildern die Prognose vom «Wettertelegraph» ablesen, so auch an der Poststrasse. Das Thermohygroskop und das Barometer ergeben in verschiedenen Kombinationen ganz unterschiedliche Vorhersagen: Gewitter und Hagel zum Beispiel, auch Schneegestöber, ebenso aber «Wenig Änderung». Die Prognose an der Poststrasse wäre noch genauer, wenn jeden Morgen um 8 Uhr der Zeiger auf null gestellt und man am Nachmittag um 16 Uhr die Prognose ablesen würde. Aber das wäre, meint Vögeli, wohl zu viel verlangt. Werden die Wetterstationen überhaupt beachtet? «Sehr sogar», sagt Karl Vögeli, «das merkt man jeweils, wenn man vergisst, einen Zettel <In Revision> zu plazieren. Dann gibt es Reklamationen.»

Nur ein paar Schritte

Für Vögeli ist heute Leidenschaft, was ihn viele Jahre schon im Beruf fasziniert hatte: Die Technik, die Geduld, die es braucht, und die Freude, dass alles wieder wie ursprünglich funktioniert. Dabei hatte Karl Vögeli einst mit dem Wetter nichts am Hut. Er wollte während des Besuchs des Abendtechnikums in St. Gallen bei der Firma Krüger + Co. AG in Degersheim, spezialisiert auf Messtechnik und Klimatechnik, unbedingt eine Anstellung finden, weil sie bloss ein paar Schritte von seinem Daheim entfernt liegt.

Ab 1965 war Vögeli dort für den Bereich Messtechnik zuständig. «Eine lange und spannende Verbindung»», sagt Vögeli. Und weil Krüger schon 1932 die Generalvertretung der Firma Wilhelm Lambrecht für die Schweiz übernommen hatte, wurde Vögeli zudem Wettermann. Er blieb es auch, als nach seiner Pensionierung die Firma Panatec AG 2004 die Vertretung übernahm.

Wetterstation an der Poststrasse. (Bild: Fredi Kurth)

Wetterstation an der Poststrasse. (Bild: Fredi Kurth)

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