Der St. Galler Untergrund ist reizbar

Wird die Erde nochmals beben? Diese Frage beschäftigt die Bevölkerung. «Ein seismisches Restrisiko bleibt bestehen», sagt Stefan Wiemer, Direktor Schweizerischer Erdbebendienst. Umso mehr als heute klar ist: Der St. Galler Untergrund ist nicht so ruhig wie ursprünglich angenommen.

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Stefan Wiemer (Bild: Luca Linder)

Stefan Wiemer (Bild: Luca Linder)

«Unser Wissen vom Untergrund ist sehr beschränkt – und wird es bleiben.» Stefan Wiemer, Direktor Schweizerischer Erdbebendienst, macht keinen Hehl daraus: Der Untergrund birgt manches Geheimnis. So auch der St. Galler Untergrund. Seine Reaktion auf die Arbeiten am Geothermieprojekt waren ungewöhnlich heftig – heftiger etwa als in Basel.

«Die Erklärung dafür liegt wahrscheinlich darin, dass in St. Gallen eine kritisch vorgespannte Verwerfungszone angebohrt wurde», sagt Wiemer. Und diese Verwerfungszone sei, anders als ursprünglich vom Projekt angenommen, seismisch aktiv. So gilt heute als gesichert: Die Arbeiten im Bohrloch haben die Erschütterungen lediglich ausgelöst, nicht aber erzeugt.

Sorgsam vorgehen

Für die künftigen Arbeiten heisst das: Der Untergrund ist reizbar. Die Projektverantwortlichen wollen denn auch äussert sorgsam weitermachen – und den Untergrund «möglichst in Ruhe lassen».

Und trotzdem: Wie hoch ist das Risiko. dass es zu einem weiteren Beben der Stärke 3,5 kommt – wie am 20. Juli geschehen? «Die Wahrscheinlichkeit eines weiteren spürbaren Bebens in den nächsten zwölf Monaten liegt bei 10 bis 20 Prozent», sagt Wiemer. «Diejenige eines weiteren Bebens der Magnitude 3,5 oder grösser bei eins bis drei Prozent.»

Hat sich die Erde nun beruhigt?

Wiemer und sein Team sind nahe dran am St. Galler Untergrund – seine Bewegungen entgehen ihnen nicht: 620 Erschütterungen hat der Schweizerische Erdbebendienst seit dem Beben registriert. Laien staunen über diese Zahl von Nachbeben. Wiemer winkt ab: «Diese Aktivität ist von einer normalen tektonischen Nachbeben-Sequenz nicht zu unterschieden.» Dies sei auch in Basel beobachtet worden. Und: «Die Nachbeben-Aktivität ist im Mittel weiter abgeklungen, wie erwartet.»

Heisst das, der St. Galler Untergrund kommt bald wieder gänzlich zur Ruhe? Wiemer verneint: «Die Nachbeben werden sich noch über einige Monate oder Jahre hinziehen, wenn auch mit stetig abnehmender Intensität.» So würden heute auch in Basel noch Nachbeben registriert. Weshalb gab es in Basel wesentlich mehr Schäden als in St. Gallen, obwohl sich die beiden Beben stärkemässig nur unmerklich unterscheiden? In St. Gallen sei es ein langsamerer Bruch gewesen, der weniger Energie – «in hohen Frequenzen» – abgestrahlt hat, erklärt der Direktor des Erdbebendienstes. Hinzu kommt: In Basel gibt es schlicht mehr Gebäude.

Ist die Erde nach einem Beben «abgeregt» und das Risiko weiterer Erschütterungen geringer? «Das Risiko wird dadurch nicht reduziert – leider», sagt Wiemer. «Es kann in der gleichen oder in einer benachbarten Zone nochmals zu einem Bruch kommen. Das ist völlig offen.» Eine verlässliche Aussage zur Wahrscheinlichkeit eines weiteren, spürbaren Bebens – oder eben eines Schadenbebens – sei nicht möglich. «Das ist das Defizit der Wissenschaft.»

Wie hoch schätzt er die Gefahr ein, dass durch die Produktionstests weitere Beben ausgelöst werden? «Ein Produktionstest ist nach unserem Ermessen an sich weniger gefährlich als eine erneute Injektion unter hohem Druck.» Und auch die Wasserentnahme – im Fachjargon Extraktion – aus einer aktiven Verwerfungszone wie in St. Gallen sei «nicht ohne seismische Gefährdung».

1835 bebte bei Abtwil die Erde

Die Experten sind sich uneins, ob durch Menschen ausgelöste Beben, etwa durch Geothermieprojekte, eine grössere Magnitude als 4 erreichen können. Wie schätzt Wiemer dieses Risiko ein? In den USA seien schon induzierte, also von Menschen verursachte, Beben der Stärke 5,8 gemessen worden. Und was ist in der Region möglich? Wiemer blättert in der Geschichte zurück und erinnert an das Erdbeben von 1835 bei Abtwil mit einer Stärke von 4,7. «Die Region hat schon stärkere Beben erlebt – natürliche. Warum sollte dies bei induzierten von vorneherein ausgeschlossen werden?»

Regula Weik