Der soziale Stadtsanierer

RORSCHACH. Der Rorschacher Stürm-Unternehmerpreis geht an Urs Räbsamen: Der in Zürich wohnhafte Rorschacherberger hat in der Hafenstadt alte Liegenschaften saniert und neu belebt. Seine teuerste Immobilie ist das Schloss Wartensee.

Marcel Elsener
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Urs Räbsamen vor dem renovierten Restaurant Mariaberg an der Rorschacher Hauptstrasse. (Bild: pd)

Urs Räbsamen vor dem renovierten Restaurant Mariaberg an der Rorschacher Hauptstrasse. (Bild: pd)

RORSCHACH. Der Niedergang des einst blühenden Hafen- und Industriestädtchens Rorschach seit den 1970er-Jahren hat manchem Sohn der Stadt zu denken gegeben, ob noch dort wohnhaft oder weggezogen; beispielsweise dem Unternehmer und früheren Spitzenhandballer Carl Felix Stürm, der 2004 einen jährlichen Preis für Engagements zur wirtschaftlichen und kulturellen Aufwertung der Region stiftete. Ein Jahr zuvor hatte die mittlerweile verschwundene lokale Brauerei Löwengarten viele ihrer Immobilien in der Stadt zu günstigen Preisen auf den Markt geworfen – ein Anstoss für den in Zürich erfolgreichen Altbau-Sanierer Urs Räbsamen, in seiner Heimatgegend aktiv zu werden. Dem Rorschacherberger war der schmerzhaft sichtbare Zerfall Rorschachs ebenfalls ein Dorn im Auge. Die Gebäude, meistens Gasthäuser, die er seither kaufte und renovierte, haben eine geschichtsträchtige Vergangenheit und oft – und wieder – klangvolle Namen: Hafenbuffet, «Mariaberg», «Schweizerhof», «Treppenhaus», Niederer... Erst recht Schlagzeilen machte er, als er 2012 für acht Millionen Franken das Schloss Wartensee kaufte – um es der Öffentlichkeit zu erhalten.

«Viel zu viel steht leer»

Dass Räbsamen nun ausgezeichnet wird, erstaunt also nicht. Und im Gegensatz zu andern ist dieser elfte Stürm-Preisträger in der Bevölkerung sicher unbestritten. Zumal er ein Einheimischer ist, der es auswärts geschafft hat und nun dem Ort seiner Herkunft einiges zurückgibt. Er könne nicht zusehen, «wie Rorschach untergeht», hat er einmal gesagt, und bis heute gerät er ins Schwärmen, wenn er von der Stadt spricht, von ihrer Hauptstrasse, ihren «wunderschönen Quartieren». Er begreift nicht, warum andere Hausbesitzer ihre Altbauten verlottern lassen. «Viel zu viel steht leer. Man könnte so vieles verdichten, ökologisch verbessern, neu beleben», sagt er und wiederholt: «Rorschach ist doch eine solch schöne Stadt!»

Dass er alte Häuser übernimmt und saniert, «im Team, mit Handwerkern und Wirten», wie er betont, und dass er dabei nie die Maximalrendite, sondern baulich und menschlich nachhaltige Lösungen sucht, macht ihn zu einer Ausnahmepersönlichkeit in der Immobilienbranche. «Spekulation kam nie in Frage», das titelgebende Zitat unseres Porträts vor drei Jahren gilt für Wartensee, aber auch für alle andern Liegenschaften. Bis heute hat Urs Räbsamen, gelernter Bauzeichner und anfänglich beim Tiefbauamt Zürich tätig, bis auf ein Einfamilienhaus kein einziges Haus wieder verkauft. Wohlgemerkt seit 1977, als er im Rorschacher Industriequartier das erste Haus kaufte.

Er sei kein Architekt und Gestalter, sondern Bauingenieur, der alte Objekte vernünftig bewahre und günstig baue, meint er. «Es ist eine sozialverträgliche Marktstrategie, und die Rechnung geht auf.» Statt ständige Mieterwechsel will er Kontinuität, jungen Wirten kommt er oft entgegen. Dass er bei sinkenden Hypothekarzinsen die Mietzinsen senkt, ist selbstverständlich. «Wenn wir den sozialen Frieden wollen, müssen wir unseren Teil beitragen. Sonst müssen wir über unvernünftige Vorlagen wie die Erbschaftssteuer entscheiden», weiss er – kein Linker, aber ein klassischer Sozialliberaler, der Verantwortung übernimmt.

Fokus auf Zürich und Rorschach

Räbsamens Wirken hat sich längst herumgesprochen. So wollten ihm St. Galler die Villa Wiesental ans Herz legen, und auch Herisauern erschien er jüngst als geeigneter Retter von Altbauten. Doch wenn es nicht um Rorschach oder Zürich geht, winkt er stets freundlich ab: «Ich will mich nicht verzetteln.» Obwohl ihm die Rorschacher Objekte oft Sorgen machen. So gebe es mehr Einsprachen in der Kleinstadt und seien die Altbauwohnungen trotz günstigen Mieten «extrem schwierig» zu vermieten, da legt er als «Prämie» auch mal 1000-Franken-Essensgutscheine für seine Restaurants drauf. Verrückte Gegensätze – hier das «grosse Überangebot» trotz Aussicht auf den See, dort der Run auf jedes halbwegs anständige Angebot; jüngst reihten sich für eine 3-Zimmer-Wohnung an der Tellstrasse mitten im Kreis vier 143 Interessenten in die Schlange, staunte Räbsamen.

Von Rorschach wünschte er sich «mehr Flexibilität» und ein Gespür für Ausnahmebewilligungen. Kein Verständnis hat er für die geregelte Ausgangszone, die den Betrieb des Löwenpubs mit Bar nach Mitternacht untersage. «Wenn abends niemand mehr unterwegs ist, kommt die Gastronomie nicht zum Laufen. Schon heute muss jedes Lokal um jeden Kunden kämpfen.»

Räbsamen wurmt es weiterhin, dass er das Hotel Anker noch nicht kaufen konnte. Dabei hat er sich sehr um den prominenten Bau am Hafenplatz bemüht und bereits Ideen für die Sanierung parat: oben teure Lofts, die im mittleren Teil günstige Hotelzimmer mitfinanzieren.

Brunnen gegen Autobahnlärm

Und wie denkt der Rorschacherberger, der mit Familie in Zürich wohnt, über die Entwicklungen in und um Rorschach? Freilich begrüsse er eine zusammengelegte «Stadt am See» – «schon wegen des Staatsabbaus» – und erst recht alle Verbesserungen am See. Der geplante Steg vor dem Rorschacherberger Neuseeland sei eine «absolut gute Sache, man sollte dem Ufer nach laufen können», sagt er.

Das Preisgeld von 40 000 Franken lässt Räbsamen dem Rorschacher HPV, dem Klanghaus Toggenburg (er ist Mosliger Bürger), seinen Arbeitern in Form eines Festes sowie zwei Brunnen auf Wartensee zukommen. Die Wasserspender aus Rorschacher Sandstein sollen beim Schloss-eingang «mit ihrem Plätschern das Rauschen der Autobahn übertönen», sagt er. Und zeigt mit dieser kleinen Geste freudig, warum er den Preis verdient: Sein Erfolg entspringt auch der Weitsicht – und einer Empathie für Mensch und Umwelt.

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