Der Sohn trifft gegen den Vater

Der FC Abtwil-Engelburg verliert in der 2. Liga regional zu Hause gegen den FC Winkeln mit 0:1. In diesem Spiel treffen Vater und Sohn aufeinander: Abtwil-Engelburgs Trainer heisst Lehmann, Winkelns Torschütze auch.

Beni Bruggmann
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Trotz der Rivalität der beiden Vereine haben diese zwei gut lachen: Vater Markus Lehmann und sein Sohn Sven vor dem Spiel Abtwil-Engelburg gegen Winkeln. (Bild: Michel Canonica)

Trotz der Rivalität der beiden Vereine haben diese zwei gut lachen: Vater Markus Lehmann und sein Sohn Sven vor dem Spiel Abtwil-Engelburg gegen Winkeln. (Bild: Michel Canonica)

FUSSBALL. Der Spieltag beginnt bei der Familie Lehmann aus Engelburg so wie immer. Corinne und Markus Lehmann, die Eltern, geniessen zusammen mit ihren Söhnen Sven und Robin das Frühstück. Lehmanns sind eine sportliche Familie. Corinne spielt Volleyball, Markus ist Trainer bei Abtwil-Engelburg, Sven und Robin spielen Fussball bei Winkeln. Heute ist ein besonderer Tag: Abtwil-Engelburg trifft daheim auf Winkeln. Der Sohn spielt gegen den Vater.

Der Vater: Erfahrung

Markus Lehmann, 57jährig, der als Unternehmensberater für Pensionskassenlösungen arbeitet, hat seine Juniorenzeit beim FC St. Gallen verbracht. Er schafft es bis ins Reserveteam, wie die Nachwuchsmannschaft genannt wurde. In der ersten Mannschaft – damals war Willy Sommer Trainer – reicht es nur zu wenigen Einsätzen in Freundschaftsspielen und somit nicht ganz an die Spitze. Er spielt später bei Gossau, Brühl und Amriswil. Dann wird er Trainer.

Arbon, Herisau und Winkeln sind erste Stationen. Bei Winkeln trainiert er auch die Kleinen, die D-Junioren. Unter ihnen ist sein Sohn Sven. Dann wirkt Lehmann sieben Jahre im Nachwuchs des FC St. Gallen, wo auch der talentierte Sven den Grundstein zu einer Fussballkarriere legt. So viele junge Spieler Lehmann auch trainiert, sein Sohn ist nicht dabei. «Wir waren kein Dream-Team», sagt der Vater. Und er ergänzt: «Ich will oft mit dem Kopf durch die Wand. Und Sven ist genau wie ich. So ist auf dem Fussballplatz das entstanden, was gelegentlich zur Entwicklung eines jungen Menschen gehört: Er lehnt sich auf. Der Sohn kämpft gegen den Vater.»

Der Sohn: Verletzungen

Sven Lehmann, heute 24jährig, arbeitet als Versicherungskaufmann. Er ist im Alter von 13 Jahren vom FC Winkeln in den St. Galler Nachwuchs gewechselt. Dort deutet alles auf eine schöne Fussballkarriere hin. Er wird in den U-Teams Stammspieler, erzielt viele Tore und kommt zu Länderspielen mit dem Schweizer Nachwuchs. Unter Trainer Uli Forte debütiert er im Spiel gegen Bellinzona in der obersten Liga. Aber das Schicksal knickt alle Hoffnungen: Zweimal bricht er sich das linke Schienbein, und mit 23 Jahren muss er seine Karriere beenden. Seit Anfang dieses Jahres ist er zurück in Winkeln. Natürlich denkt er in stillen Momenten oder wenn er im Fernsehen ein Spiel sieht, noch immer an die grosse Karriere. Sie wäre möglich gewesen. Aber der Verstand spricht die Sprache der Vernunft: «Es gefällt mir beim FC Winkeln, ich habe gute Kollegen. Und das Wichtigste: Ich bin gesund.»

Entscheidung durch Lehmann

Im Spiel gegen Abtwil startet Winkeln deutlich besser. Die Ausbeute ist allerdings gering. Ein Tor wird wegen Abseits annulliert. Als Marc Grünenfelder in der neunten Minute im Strafraum gefoult wird, bleibt der Elfmeterpfiff aus. Sven Lehmann beschwert sich laut. Der Schiedsrichter zeigt ihm die gelbe Karte. Fortan bleibt Lehmann ruhig und besinnt sich auf sein Können. Dieses zeigt sich in der guten Übersicht, in klugen Zuspielen, in schnellen Antritten und im Abschluss.

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte spielt er seine ganze Klasse aus. Im vorderen Mittelfeld erobert er den Ball. Blitzschnell löst er sich vom ersten Gegner, umspielt den zweiten und trifft mit links zum entscheidenden Tor. Winkeln gewinnt. Der Sohn siegt gegen den Vater.

Mit einem Schmunzeln sagt Sven Lehmann nach dem Spiel, dass er sich durchaus auch vorstellen könnte, in einer Mannschaft zu spielen, die sein Vater trainiert. Auch «Der Sohn mit dem Vater» wäre also möglich.