Der singende Kameramann

GOSSAU. Als Videoproduzent auf Kreuzfahrten reist der Ur-Gossauer Urs Schiess um die halbe Welt. Sein Beruf ist anspruchsvoll, aber erfüllend. Auch mit 49 Jahren will er nicht sesshaft werden. Zu verlockend ist die grosse Freiheit.

Angelina Donati
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Urs Schiess ist ständig auf Reisen. Zurück nach Gossau und St.Gallen kommt er aber noch so gerne. (Bild: Urs Bucher)

Urs Schiess ist ständig auf Reisen. Zurück nach Gossau und St.Gallen kommt er aber noch so gerne. (Bild: Urs Bucher)

An seinem ersten Tag als Kameramann auf dem Kreuzfahrtschiff MS Lili Marleen ist Urs Schiess beinahe verzweifelt. Zuerst gab's eine Standpauke, weil er T-Shirt und Jeans anhatte und nicht die Kleidung, die für Besatzungsmitglieder bestimmt war. Und auch als er verspätet am Sicherheitskurs teilnahm, bekam er einen «Riesenrüffel». Als der anstrengende erste Tag endlich vorbei war, fand der Neuling seine Kabine nicht mehr. «Ich war dem Heulen nahe», gesteht der 49-Jährige, der in Gossau aufgewachsen ist. «Dabei hatte mich mein Vorgesetzter noch vorgewarnt, dass mir die ersten zwei Monate keine Freude bereiten werden.» Heute aber kann Urs Schiess über seine Erfahrungen auf dem Kreuzfahrtschiff vor zehn Jahren lachen. Schliesslich gehört er an Bord längst zum Inventar.

Unterwegs in der weiten Welt

Mit neuen Situationen zurechtkommen und durchbeissen ist sich Urs Schiess gewöhnt. So zog es den Sekundarlehrer schon seit jeher in die weite Welt. In den USA gab er zwei Jahre lang Deutschunterricht und wirkte als Filmemacher bei einem Fernsehsender einer High School mit. Und auch in Spanien lebte er für ein Jahr: «Obwohl ich gar nicht geplant hatte, so lange zu bleiben.» Neben seinem Lehrerberuf setzte er auch früh auf seine zweite Leidenschaft, das Filmen. Zuerst als Angestellter in einer Videoproduktionsfirma, danach als Mitgründer eines Unternehmens und heute als Selbständiger. Eine hohe Priorität hatte auch stets die Musikband aus der Schulzeit, bei der er als Sänger mitwirkt.

Ein Traum auf hoher See

Als er in einer Fachzeitschrift auf ein Jobangebot als Kameramann auf hoher See aufmerksam wurde, wusste er sofort, was zu tun war. «Seemann war mein Bubentraum», sagt Schiess. Dennoch sollte es noch vier weitere Jahre dauern, bis sein Traum in Erfüllung ging. «Die Anfragen der Reederei waren mit ein paar Tagen Vorlauf einfach immer viel zu kurzfristig. Zeitlich passte es nie.» Dafür aber hat ihn der Alltag auf hoher See umso mehr gepackt. Tagtäglich und das bis zu sieben Monate am Stück filmt er das Geschehen an Bord und während der Landgänge. Der Zusammenschnitt mit allen Highlights dient den Passagieren als Erinnerung an ihre Reise.

Intensive Begegnungen

Auch wenn Urs Schiess mittlerweile die halbe Welt gesehen hat – Langweile verspürt der Kameramann keine. Seinen Freiheitsdrang, der schon seit jeher sehr ausgeprägt war, kann er ausleben. «Die Schiffsreise an sich fasziniert mich, die schönen Gegenden und die Begegnungen mit den Leuten», schwärmt Schiess. Die Besatzungsmitglieder seien grösstenteils dieselben und viele Passagiere treffe er immer wieder an. «Der Zusammenhalt in der Crew ist gross. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft», erzählt Schiess. Ab und an tritt er in Abendshows als Sänger auf, was sein Musikerherz höher schlagen lässt. «Bei den Leuten bin ich als <der singende Kameramann> bekannt», freut sich Schiess.

Seine Arbeit aber verlangt ihm viel ab. «Auch wenn ich eine Grippe habe, muss ich aufstehen und die Eindrücke an Bord filmen. Eine Stellvertretung habe ich keine.» Nicht selten dauert ein Arbeitstag 16 Stunden und die Bezahlung ist schlecht. Dafür lebt es sich wie in einem Hotel: Urs Schiess muss weder kochen noch putzen und auch keine Wäsche waschen. Auch könnte er, wenn er wollte, jeden Tag auf den Putz hauen. Ob Geburtstag oder Abschiedsparty eines Besatzungsmitglieds – zu feiern gibt es schliesslich immer etwas. «Auf einer Kreuzfahrt arteten die Feiern derart aus, dass es schon fast gesundheitsschädigend zu und her ging.»

Die Abschiede aber lassen den Gossauer wehmütig werden. «Da wir auf engstem Raum zusammenarbeiten, essen und auch beim Ausgehen aufeinander treffen, sind es intensive Kontakte», sagt Urs Schiess und gesteht, dass er die eine oder andere Träne verdrücken müsse, wenn es ums Abschiednehmen geht.

Reisefieber erlischt nicht

Abschied bedeutet gleichzeitig auch Wiedersehen. Und so kommt Schiess von Dezember bis circa Mai auch immer wieder gerne zurück in seine Heimat. Noch immer halten ihm seine Freunde sein früheres WG-Zimmer in der Stadt St. Gallen frei. Auch wenn ihn seine alten Kumpels während der Kreuzfahrtreisen monatelang nicht zu Gesicht bekommen, sei es, als wäre er nie fort gewesen. «Die sozialen Medien erleichtern den Austausch sehr.»

Obwohl Urs Schiess nach einer siebenmonatigen Schiffsreise noch so gerne wieder zurück nach Hause kommt – das Reisefieber in ihm erlischt nicht: «Müsste ich grade jetzt für einen Kollegen einspringen, würde ich sofort meine Tasche packen und mich auf den Weg machen.»

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