Der Seifensammler

Der Viertklässler Vasco Hebel besitzt über tausend Seifen. Gekaufte, geschenkte und sogar aus einem Firmennachlass «geerbte». Seit kurzem betreibt er im Schlafzimmer ein Seifenmuseum.

Corinne Riedener
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Der zehnjährige Vasco Hebel mit einem kleinen Teil der Schätze seines privaten Seifenmuseums. (Bild: Michel Canonica)

Der zehnjährige Vasco Hebel mit einem kleinen Teil der Schätze seines privaten Seifenmuseums. (Bild: Michel Canonica)

Die Zehnjährigen, die man sonst so kennt, stehen auf Videospiele. Oder Fussball. Oder vielleicht auf Comics. Vasco Hebel nicht. Er hat eine für einen Viertklässler eher ungewöhnliche Leidenschaft: Seit zwei Jahren sammelt er Seifen aller Art.

Schlafzimmer und Museum

Hotelseifen, Kernseifen, duftende Seifen, Seifen in Form von Legosteinen oder Teddybären, Seifen aus anderen Ländern und vergessenen Ecken der Welt nennt Vasco Hebel inzwischen sein Eigen. Die Liste ist lang. Es sind über tausend Stück – die doppelten Exemplare nicht eingerechnet. Kein Wunder, sind die beiden Zimmer des Schülers zum Bersten gefüllt. Fein säuberlich liegen die Seifen in Setzkästen und tapezieren die Wände seines Reichs. Regale, Vitrinen, Schubladen – überall entdeckt man neue, uralte, exotische und seltsame Stücke. Und sie sollen bewundert werden: Vascos Seifenuniversum an der Lettenstrasse ist seit kurzem Schlafzimmer und Museum zugleich.

Mit Souvenirshop

Geschäftig eilt der Primarschüler mit den halblangen Haaren durch sein Museum. Heute ist Tag der offenen Tür und bis vor kurzem hatte er noch Gäste. Er trägt ein weisses T-Shirt, auf dem mit grossen Lettern «Seifenmuseum, Vasco Hebel» steht. Visitenkarten, CDs des Seifenmuseums, Bücher, ein «Kässeli» und selbstgemachte Seifenschalen aus Ton liegen auf dem kleinen Empfangstisch neben seinem Bett. Er habe das Museum nicht wirklich geplant, sagt Vasco. «Es ist einfach mit der Zeit entstanden.» Sein Vater streckt den Kopf durch die Tür. «Wollt ihr noch einen Orangensaft?» Auch er trägt ein T-Shirt: «Seifenmuseum, Sven Hebel».

«Keine Ahnung, wie das alles angefangen hat», sagt Vasco nachdenklich. «Ich weiss noch, dass ich irgendwann eine Seife in einer Apotheke gekauft habe, weil mir die Verpackung gefallen hat. Vielleicht war es auch der Besuch in einer Olivenöl-Fabrik vor einigen Jahren.» Aber das sei eigentlich auch gar nicht so wichtig, findet er. «Ich mag Seifen einfach. Sie alle. Ausser die flüssigen.» Auf die Frage, welche Art er am liebsten möge, antwortet er grinsend: «Jedenfalls nicht die Duftenden. Eher die stinknormalen Kernseifen.»

Sackgeld investiert

Und wie kommt man als Viertklässler zu all den Seifen? Er müsse zugeben, dass er den Grossteil seines Sackgeldes dafür ausgebe. «Vor allem in den Ferien, da sind es manchmal fast 200 Franken.» Viele Stücke werden ihm aber auch geschenkt. Von Freunden, Verwandten, Bekannten und sogar Lehrern.

Eine der Seifen im Setzkasten habe er erst kürzlich von seiner Lehrerin bekommen. Auf der Verpackung klebt ein rosa Post-it-Zettel: «Diese Seife ist aus Aleppo. Das ist eine Stadt in Syrien. Zurzeit gehen dort fürchterliche Dinge vor sich.»

Erbschaft für den «Seifenfreak»

Einen Grossteil seiner Sammlung hat Vasco sozusagen geerbt. Als im Mai die Seifenfabrik Permatin AG in Stein am Rhein ihre Tore schliessen musste, vermachte ihm Mark Laager über 400 Seifen. Vasco hat den Firmenchef vor einigen Jahren auf einer seiner «Studienreisen» zur Permatin kennengelernt.

Nach der Schliessung des Betriebs spendete Laager einen Teil des Inventars dem Sitterwerk St. Gallen – unter der Bedingung, dass Vasco, der «Seifenfreak», wie er ihn liebevoll nennt, im Sittertal einen Raum zu Verfügung gestellt bekomme. Falls er je in Platznot gerate. Vasco wirkt traurig, als er diese Geschichte erzählt: «Ich mochte die Fabrik und war bei der Schliessung dabei.» Umso mehr habe er sich gefreut, dass Mark Laager ihn am vergangenen Samstag zur Museumseröffnung besucht habe.

Es ist fast sieben Uhr abends und nur noch Zeit für eine letzte Frage: «Willst du später dein Hobby zum Beruf machen?» Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Nein. Ich werde Chefarzt. Natürlich in Zürich, Chirurgie», sagt Vasco, während ihm seine weisse Katze auf den Schoss springt. Sie heisst übrigens – passend zum Hobby ihres jungen Halters – Saponetta.

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