Der schwebende Stadtvater

Vadian wacht nicht mehr über der Marktgasse: Gestern wurde er von seinem Sockel gehoben und für ein «Facelifting» abtransportiert. Hunderte Schaulustige wohnten dem Spektakel bei.

Sarah Schmalz
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Unter den Augen zahlreicher Schaulustiger wurde Vadian gestern von seinem Sockel gehoben. Er wird in der Kunstgiesserei restauriert. (Bild: Michel Canonica)

Unter den Augen zahlreicher Schaulustiger wurde Vadian gestern von seinem Sockel gehoben. Er wird in der Kunstgiesserei restauriert. (Bild: Michel Canonica)

Es ist ein kurioses Bild. Vadian, gebieterisch und ehrwürdig in Ausdruck und Geste, hängt in den Gurten: Mit farbenfrohen Riemen ist die Bronzestatue an einem Kran fixiert worden. Denn seit sieben Uhr läuft die Diamantsäge, welche den St. Galler Stadtvater von seinem steinernen Sockel trennt: Bis zum Frühling wird das Denkmal in der Kunstgiesserei restauriert.

«War er ein Dichter?»

Am Vormittag haben sich unter dem Sockel Hunderte Schaulustige versammelt, die gespannt auf das Abheben ihres Stadtvaters warten. Fotoapparate werden gezückt, die ungewöhnliche Aktion sorgt für angeregtes Schwatzen. Unter dem strengen Blick des Würdenträgers kratzt ein Zuschauer für einen ortsunkundigen Freund zusammen, was er über Vadian weiss. «A poet – was he a poet?» Ganz überzeugt ist der Mann dann doch nicht. Zum Glück ist da die etwas besser bewanderte Frau direkt hinter ihm. Sie klärt den Ortskundigen über den St. Galler Reformator auf.

Auf dem Baugerüst auf Vadians Augenhöhe ruft Felix Lehner, Leiter der Kunstgiesserei, kurz vor Mittag die heisse Phase aus: Es fehlen noch zehn Zentimeter. Journalisten, Kameraleute und Fotografen haben sich, mit Helmen ausgerüstet, unter die Arbeiter gemischt. «Kippt er jetzt?», scherzt einer. Dann ist es so weit: Das Metallpodest, auf dem Vadian steht, ist abgetrennt.

Schwerer als gedacht

Bewegen allerdings will sich der Koloss nicht. Auf 1,5 Tonnen haben ihn Fachleute vor seinem Abtransport geschätzt. Doch Vadian wiegt mehr – viel mehr: «Gebt nochmals 300 Kilo auf den Flaschenzug», tönt es. «Nochmals 200.» Bei 2,8 Tonnen Gegengewicht schliesslich hebt Vadian ab. Erstaunlich sachte.

Verwunderlich ist das immense Gewicht der Bronzestatue nicht: Vadian hat seit 1944 Beine aus Beton. Den Hohlraum gefüllt hat man damals, um das Denkmal zu stabilisieren. Wie genau dies geschehen ist, ist nicht bekannt. Nur eine Randnotiz zu den Arbeiten wurde gefunden. – «Während des Krieges gab es Wichtigeres», sagt Lehner. Ob Vadian zum ersten Mal von seinem Sockel gehoben wurde oder nicht: Kurz nach Mittag schwebt er über den Köpfen des Publikums.

«Wissen Sie eigentlich, dass die Statue nicht dem echten Vadian nachempfunden ist?», fragt Stadtbaumeister Erol Doguoglu, den Schwebenden betrachtend. «Es heisst, Modell habe ein ihm ähnlich sehender Bauarbeiter gestanden.» Während der Museumsnacht kann der «Bauarbeiter» in der Kunstgiesserei für einmal von ganz nah betrachtet werden.