«Der Schock ist noch immer da»

Omari Brüderle, Mitarbeiterin der Badhütte in Rorschach, lebt von Herbst bis Frühling in Nepal. Dort betreibt sie ein Gästehaus und zwei Kinderhäuser. Nach dem Erdbeben vom 25. April half sie sofort. Sie leistete Nothilfe für 998 Familien.

Corina Tobler
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Omari Brüderle Badhütte-Mitarbeiterin (Bild: cot)

Omari Brüderle Badhütte-Mitarbeiterin (Bild: cot)

Frau Brüderle, heute ist das Beben der Stärke 7,8 auf der Richterskala drei Monate her. Wie haben Sie den 25. April erlebt?

Omari Brüderle: Ich sass draussen auf der Bank vor einem meiner Kinderhäuser. Sie steht direkt vor der Küche, und plötzlich schepperte es. Ich dachte, jemand habe etwas fallen lassen, und ging hinein. Die Kinder sah ich im Garten spielen. Und dann erst spürte ich, wie der Boden unter meinen Füssen erzitterte. Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was passierte. Dann rannte ich mit den Mitarbeitern und den Kindern die Treppe hinunter, über die Strasse aufs Feld.

Verletzt wurde also niemand. Was passierte mit den Häusern?

Brüderle: Wir hatten wirklich Glück. Wir mussten nur im ersten Kinderhaus ein Stück Mauer und zwei Treppen reparieren. Unser Dorf Hulumath hat ein Ober-, Mittel- und Unterdorf. Meine Häuser stehen im Mitteldorf. Dort und im unteren Teil hatten nur elf Häuser Totalschaden – im Oberdorf 98 Prozent aller Häuser. Das vier Kilometer entfernte Dorf Salinda, wo über 40 Patenkinder leben, denen über meinen Verein in Deutschland der Schulbesuch ermöglicht wird, wurde total zerstört.

Wie ging es nach dem Beben weiter?

Brüderle: Das Dorf rannte zusammen. Am Radio hiess es, man solle zwei Nächte sicherheitshalber draussen schlafen. Die Kinder und die beiden Pflegemütter tun dies bis heute – die Erde bebt noch immer, teils mit Stärken über 4.

Wie sind Sie mit der Lage gleich nach dem Beben umgegangen?

Brüderle: Am ersten Tag stand ich unter Schock. Am zweiten war mir klar, dass ich etwas tun muss. In der ganzen Zeit habe ich nur funktioniert – Gefühle kann man nicht zulassen. Am schlimmsten war es nachts. Anfangs schliefen alle zwölf Kinder, die Pflegemütter und vier Familien unter Plachen auf dem Feld. Die Kinder schliefen, doch sie träumten. Ein Junge warf sich auf seinen Bruder, um ihn zu beschützen. Und die Erwachsenen weinten. In Nepal sagt niemand: «Es geht mir schlecht.» Doch nachts kam alles raus. Dazu kamen die Tiger.

Tiger?

Brüderle: Ja. Dass sie im Winter kommen, ist normal – dann gibt's Tigeralarm, jemand scheppert mit Geschirr und alle gehen in die Häuser. Jetzt kamen sie aber auch, ich habe einige gesehen. Daher hielten wir Nachtwache und machten ein Feuer. Mittlerweile haben wir ein Schutzhaus auf dem Feld gebaut – gegen Tiger und den Monsun.

Wie ist dann die Hilfe angelaufen?

Brüderle: Ich bekam von meinem Verein die Info, dass Spenden eingegangen seien. Am nötigsten waren Nahrungsmittel und Decken. Die Preise sind seit dem Beben horrend, für Nudelsuppe zahlt man statt 15 Rupis – etwa 15 Rappen – 200. Und das Kilo Reis hat sich um zehn Franken verteuert. Ich sagte dem Verkäufer aber, ich würde sehr viel und nur zum alten Preis kaufen. Total verteilte ich 30 Tonnen Reis.

Wer bekam Hilfe von Ihnen?

Brüderle: Nur Leute, deren Häuser Totalschaden erlitten, die keine Arbeit hatten und keine Ersparnisse. Also die, die Hilfe am dringendsten brauchten. Ich hatte ein kleines Team, der Hausbesitzer meines Gästehauses und zehn Helfer aus dem Dorf. Sie mussten den Lastwagen bewachen, sonst hätten die Leute ihn gestürmt. Dreimal mussten wir die Verteilaktion abbrechen wegen Schlägereien.

Wie vielen Menschen konnten Sie helfen?

Brüderle: Mit 40 000 Euro Spenden konnten wir 998 Familien notversorgen, die alle im Umkreis von zwölf Kilometern im Distrikt Lalipur leben. Die meisten Dörfer kannte ich zuvor, nur eines auf 2500 Metern über Meer, zu dem nur eine einstündige Jeepfahrt und danach eine einstündige Wanderung führt, kannte ich noch nicht. Der Notruf von dort erreichte mich, wir fuhren hoch für einen Augenschein. Die Leute dort hatten seit fünf Tagen nichts mehr zu essen.

Welches Erlebnis hat Sie am stärksten geprägt?

Brüderle: (Blickt in die Weite und denkt nach.) Wenige Tage nach dem Beben, während eines starken Nachbebens, sahen die schreienden Kinder und ich, wie ein Gebäude einstürzte.

Haben Sie die Erlebnisse nach dem Beben schon verarbeitet?

Brüderle: Nein. Der Schock bleibt auch. Er ist immer noch da, und diese innere Spannung. In Nepal zerriss sie mich fast, ich hatte zwölf Kinder in meiner direkten Verantwortung. Von den 120 Patenkindern meines Vereins haben alle überlebt, aber 98 sind obdachlos. Einige Badegäste sagen mir, ich lache diesen Sommer weniger. Stimmt. Aber ich weiss halt nie, ob am nächsten Tag noch alle Kinder leben. Auch jetzt noch nicht.

Unter den Plachen auf dem Feld beim Kinderhaus schliefen 27 Leute. (Bilder: Omari Brüderle)

Unter den Plachen auf dem Feld beim Kinderhaus schliefen 27 Leute. (Bilder: Omari Brüderle)

Die Menschen im Dorf Sailnda bedanken sich bei Omari Brüderle.

Die Menschen im Dorf Sailnda bedanken sich bei Omari Brüderle.