Der Rebell im Klassenzimmer

An den Kantonsschulen ist Niklaus Meienberg auch 20 Jahre nach seinem Tod immer noch umstritten: Die einen Lehrer thematisieren ihn gar nicht, anderen missfällt seine Lyrik, und dritte halten seine politischen Aussagen für veraltet.

Jeanette Herzog
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Der St. Galler Journalist und Historiker Niklaus Meienberg, 1983. (Archivbild: ky)

Der St. Galler Journalist und Historiker Niklaus Meienberg, 1983. (Archivbild: ky)

«Meienberg ist Thema in meinem Unterricht, wenn auch nicht als Person», sagt Max Lemmenmeier, Deutsch- und Geschichtslehrer an der Kantonsschule am Burggraben. Er behandle den St. Galler Journalisten und Historiker im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg oder der Nähe der Schweiz zum Dritten Reich. Ausschnitte aus «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» bespreche er gern mit der Klasse.

Längst kein Muss mehr

Historisch sei es wichtig, Meienberg zu behandeln, aber längst kein Muss mehr, wie damals, als er noch aktuell war. Heute komme man im Unterricht nicht umhin, eine Auswahl zu treffen, da nicht das Lesen fremder, sondern das Produzieren eigener Texte im Vordergrund stehe.

Ob Max Lemmenmeier mit seinen Schülern die aktuelle Ausstellung «Warum Meienberg?» im Kulturraum am Klosterplatz besuchen wird, weiss er noch nicht. Es müsse ins Unterrichtskonzept passen. «Ich selber gehe sicher hin.» Der SP-Kantonsrat hat einen persönlichen Bezug zum St. Galler Rebell. «Ich habe Meienberg gut gekannt. Wir standen in regem Kontakt.» Über Meienberg könnte er aus dem Nähkästchen plaudern – tut es aber nicht. «Es geht mir, wie bei allen Themen, um den historischen Bezug.» Nicht alle Seiten Meienbergs seien übrigens «so toll» gewesen. «Ich würde den Schülern sicher nicht alles erzählen.» Auch seine Lyrik würde er mit ihnen nicht lesen.

Aus Freude an der Sprache

Sein Lehrer-Kollege Christoph Bischof hingegen greift gerade die Meienberg-Lyrik gerne auf. «Seine längeren Texte lesen wir, wenn es um Journalismus oder Essays geht.» Dies aus Freude an der Sprache, nicht wegen seiner politischen Bedeutung. «Für die Schüler ist das eben Geschichte, wie der Mauerfall 1989 auch.» Und um den grossen Zusammenhang aktuell aufzubereiten, fehle ihm die Zeit. Ein Maturand habe letzthin «Geschichte der Liebe und des Liebäugelns» auf seine Leseliste gesetzt. Auch der Film «Es ist kalt in Brandenburg» habe er schon mit einer Klasse geschaut. «Meienberg findet vereinzelt, aber immer wieder statt.» Er greife im Unterricht häufiger Paul Grüninger auf, sagt Bischof. Dieser sei mit dem nach ihm benannten Stadion und der Rehabilitationsthematik aktueller.

Das Meienberg-Experiment

Andreas Wittwen, Lehrer an der Kanti am Brühl, wagt dieses Jahr anlässlich der Ausstellung zu Meienbergs 20. Todestag ein Experiment. Grundsätzlich greift er den aufmüpfigen Journalist in seinem Unterricht nicht auf, diesmal aber schon – im Gegensatz zu den meisten seiner Lehrerkollegen am Brühl. «Mich interessiert, wie die Fachmittelschülerinnen auf Meienbergs rotzfreche Texte reagieren.» Ihn fasziniere heute weniger «das Sich-Reiben an der Schweiz», sondern die Sprache. «Meienberg schreibt mit Wut, teilt aus, spielt auf die Person.» Für einen Besuch in der Ausstellung ist seine Klasse bereits angemeldet.

Titel sind gefragt in der Vadiana

Auch das Interesse der Öffentlichkeit an Niklaus Meienberg hat seit der Eröffnung der Ausstellung zugenommen. «Die 62 Titel im Katalog laufen spürbar besser als auch schon», sagt Christina Schlatter, Leiterin Ausleihe in der Kantonsbibliothek Vadiana.