«Der Raum als dritter Pädagoge»

Muolen, Berg SG und Mörschwil wollen mehr Schulraum. Dies, obwohl weniger Schüler erwartet werden. Schulberaterin Heidi Gehrig erklärt, warum sie zusätzlichen Raumbedarf von Schulen versteht und welche Vorteile kleine Schulen haben.

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Nicht alle haben so viel Platz: Modern eingerichteter Schulraum im Schulhaus Krontal St. Gallen. (Archivbild: Reto Martin)

Nicht alle haben so viel Platz: Modern eingerichteter Schulraum im Schulhaus Krontal St. Gallen. (Archivbild: Reto Martin)

Frau Gehrig, warum brauchen immer weniger Schülerinnen und Schüler immer mehr Schulraum?

Heidi Gehrig: Beim Bau der heute bestehenden Schulhäuser ging man davon aus, dass gleichaltrige Kinder am gleichen Ort, zur gleichen Zeit, mit den gleichen Zielen dasselbe tun und lernen sollten. Da waren 70 Quadratmeter für 70 Kinder vielleicht ausreichend. Heute geht der Unterricht aber viel weiter und wird zum Beispiel mit Lernateliers individueller gestaltet. Die Folge davon ist, dass es mehr Platz pro Schüler braucht. Integrativer Unterricht, Tagesstrukturen und Blockzeiten verschärfen den Raumbedarf weiter.

Wann hat diese Individualisierung des Unterrichts eingesetzt?

Gehrig: Bei einigen Schulen wird das jetzt umgesetzt. Bei anderen bereits vor 100 Jahren. Die Wissenschaft belegt heute aber eindeutig, dass die Forderungen aus der Reformpädagogik berechtigt sind. Jedes Kind lernt anders. Daher braucht es auch individuellen Unterricht und Raum für soziales Miteinander-Lernen.

Wie stark beeinträchtigt der Schulraum überhaupt den Unterricht? Reicht ein guter Lehrer nicht?

Gehrig: Es gibt den Spruch «Der Raum als dritter Pädagoge». Optimale Raumverhältnisse allein garantieren noch keine hohe Unterrichtsqualität. Teilweise kann aufgrund der Raumverhältnisse pädagogisches Wissen aber nicht umgesetzt werden. Man weiss heute zum Beispiel, dass Schüler im Unterstufenalter sehr viel Bewegung brauchen. Wenn jetzt über 20 Schülerinnen und Schüler nur einen 70 Quadratmeter grossen Raum zur Verfügung haben, ist das nicht optimal. Stellen Sie sich vor, wie schwierig das für Erwachsene wäre.

Dann raten Sie den Gemeinden, in neue Schulhäuser zu investieren?

Gehrig: Nicht unbedingt. Es kommt auf die Gegebenheiten an. Es gibt manchmal auch in älteren Schulhäusern gute und kreative Möglichkeiten, um den Schulraum den neuen Lehr- und Lernformen anzupassen. Im 100 Jahre alten Alleeschulhaus in Wil beispielsweise wurden Hochböden aus Holz eingebaut, zusätzlich mietet sich die Schule in einer umliegenden Wohnung ein. Wenn Schulbehörden, Lehrpersonen und Gemeinden am selben Strick ziehen, können vielfach kreative Lösungen gefunden werden. Aber es gibt natürlich Grenzen. Leider ist nicht alles, was pädagogisch sinnvoll ist, politisch machbar.

Was meinen Sie damit?

Gehrig: Werden zu enge Grenzen gesetzt, kann die Qualität des Unterrichts leiden, und neue Erkenntnisse der Pädagogik können nicht umgesetzt werden.

Gibt es bei der Umsetzung neuer Lehrformen regionale Unterschiede, etwa zwischen Stadt und Land oder von Kanton zu Kanton?

Gehrig: Die Schulen sind sehr heterogen und sollten nicht miteinander verglichen werden. Es gibt modern eingerichtete Schulhäuser auf dem Land genauso wie in der Stadt. Was die meisten Schulen miteinander verbindet, ist das Bedürfnis nach mehr Schulraum.

Gibt es in der Region St. Gallen ein Vorzeigeschulhaus?

Gehrig: Das Normschulhaus gibt es nicht. Ich könnte ein wunderbares Schulhaus nennen, und die Lehrpersonen vom Waldkindergarten würden sagen: «Nein danke, wir nutzen lieber die Natur als Raum.» Man muss mit Heterogenität umgehen können, die Schulformen nicht gegeneinander ausspielen und jeweils nach der bestmöglichen Lösung suchen.

Wo hat es so ein bestmögliches Schulhaus?

Gehrig: Sie finden überall «beste Schulhäuser». Eine Schule, die ich begleite, besteht beispielsweise nur aus einer Klasse von 20 Schülern. Alle Stufen von der ersten bis zur sechsten Klasse werden dort zusammen unterrichtet. Die Schule hat drei Schulzimmer, eine Turnhalle und einen Mittagstisch-Raum. Sie funktioniert bestens. Aber der Schule fehlen vielleicht bald die Kinder.

Leidet bei so wenigen Schülern nicht die Unterrichtsqualität?

Gehrig: Nein, überhaupt nicht, die Unterrichtsqualität ist nicht von der Anzahl Schüler abhängig. Es gibt aber eine Ober- und Untergrenze.

Und die untere Grenze liegt bei weniger als 20 Schülern?

Gehrig: Wenn soziales Lernen miteinander nicht mehr möglich ist, dann ist die untere Grenze erreicht. Bei zehn oder zwölf ist das nur noch begrenzt möglich. Eine Untersuchung von Ernst Trachsler hat erwiesen, dass in kleineren Schulen weniger disziplinarische Schwierigkeiten oder gar Gewalt auftreten. Die Leistungsausweise kleiner Schulen sind zudem mindestens gleich gut wie bei grösseren Schulen.

Die Oberstufe Häggenschwil hat 60 Schüler und soll geschlossen werden.

Gehrig: Zu dieser Frage möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Stellung beziehen.

Interview: Rafael Rohner

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