Der Proberaum wird zur Bühne

An diesem Wochenende öffnen 17 Bands in der Stadt ihre Proberäume. Am zweiten St. Galler Bandraumfestival «Disorder» ist Entdeckergeist gefragt. Wer die Lokale aber findet, kann schöne Überraschungen erleben.

Roger Berhalter
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Zum zweiten Mal am «Disorder» dabei: Das Duo Hopes & Venom im Übungslokal an der Geltenwilenstrasse. (Archivbild: Ralph Ribi)

Zum zweiten Mal am «Disorder» dabei: Das Duo Hopes & Venom im Übungslokal an der Geltenwilenstrasse. (Archivbild: Ralph Ribi)

«Keine Ahnung» – diesen Ausdruck verwendet Thiemo Legatis häufig, wenn er vom «Disorder» spricht, dem St. Galler Bandraumfestival, das er am kommenden Wochenende zum zweiten Mal organisiert. Keine Ahnung: Das bedeutet nicht, dass er sein Festival nicht im Griff hätte, sondern dass er nicht weiss, was in den einzelnen Proberäumen passieren wird. Und das sei auch gut so, denn Spontanität gehöre beim «Disorder» dazu: «Alles kann geschehen, und ich freue mich darauf.»

Es gibt nur eine Regel

Klar ist bei «Disorder» nur der Rahmen: 17 Bands aus der Stadt öffnen am Freitag und/oder Samstag ihre Proberäume für alle Interessierten und machen dort Musik, wo sie normalerweise ohne Publikum an ihren Songs feilen. Jede Band entscheidet selber, wann sie spielt und was sie darbietet. Das (kleine) Veranstalterteam um Thiemo Legatis macht keine Vorgaben, sondern hat nur Flyer gestaltet und eine Webseite aufgesetzt, auf der alle Bands beschrieben sind und eine Karte anzeigt, wo die Proberäume zu finden sind. Es gibt nur eine Regel: Die Bands dürfen keinen Eintritt verlangen.

Von Osten nach Westen

Im Vergleich zur Premiere im vergangenen Jahr mit rund einem Dutzend Bands ist das «Disorder» inzwischen gewachsen: 17 Bands machen diesmal mit, und die Bandbreite ist gross. Erstens geographisch: Von der Funk-Gruppe High Fidelity an der Fürstenlandbrücke im Westen bis zum Hip-Hopper Doppia Erre im Langgassquartier im Osten. Zweitens, was die Erfahrung betrifft: Sowohl die gestandenen New-Wave-Popper Herr Bitter nehmen teil, die schon mehrere Alben herausgebracht haben, als auch das junge Rockduo The Harbs, das am «Disorder» einen seiner ersten Auftritte gibt.

Schliesslich ist auch die stilistische Bandbreite gross: Von der Metalband über den Hip-Hopper bis zum Singer-Songwriter-Duo und dem Drum'n'Bass-Produzenten-Kollektiv ist alles dabei. Einige haben sich fürs «Disorder» auch etwas Spezielles einfallen lassen. So gibt die Band Bright in St. Georgen ein «leises» Konzert: Die Musik kommt nur ab Kopfhörer. Und das Duo Pancho & Lefty – mit dem Singer-Songwriter Sebastian Bill – hat sich eigens für das Bandraumfestival formiert.

Bitte pünktlich erscheinen

Die Besucher müssen allerdings einigen Entdeckergeist mitbringen, denn die Proberäume sind nicht leicht zu finden. «Im Innenhof die Treppe runter», heisst es bei einer Band. «Im Bandraum mit der violetten Tür» bei einer anderen. Und eine Gruppe bittet um Pünktlichkeit: «Eingang danach wieder geschlossen.» Im schlimmsten Fall steht man am «Disorder» also vor geschlossenen Türen. Im besten Fall aber entdeckt man tolle Musik von einer Band, die man vorher nicht kannte – und man ist erst noch so nahe dran, dass man mit den Musikern nach dem Konzert auch noch reden kann.

Selbst, wenn er noch keine Ahnung hat, was ihn erwartet – eines weiss Organisator Thiemo Legatis schon genau: «Ich werde mir jede Band und jedes Konzert anhören.»

Thiemo Legatis Musiker und «Disorder»-Initiant (Bild: pd)

Thiemo Legatis Musiker und «Disorder»-Initiant (Bild: pd)

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