Der Pioniergeist weht weiter

Erste Reaktionen aus dem Stadtparlament zeigen: Die Fortführung des Geothermieprojekts wird begrüsst, das Risiko von weiteren Erdbeben in Kauf genommen. Allerdings wünscht man sich vom Bund auch verbindlichere finanzielle Zusagen.

Andreas Nagel
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Geballte parlamentarische Aufmerksamkeit im Waaghaus. Der Riss in der Seitenwand war schon vor dem 20. Juli da. (Bild: Luca Linder)

Geballte parlamentarische Aufmerksamkeit im Waaghaus. Der Riss in der Seitenwand war schon vor dem 20. Juli da. (Bild: Luca Linder)

«Ich bin stolz, ein St. Galler zu sein», gibt Thomas Schwager, Fraktionschef der Grünen, Jungen Grünen und Grünliberalen, unumwunden zu. Seine Amtskollegen von SP, CVP und FDP, Daniel Kehl, Philip Schneider und Roger Dornier loben ihrerseits die Fach- und Kommunikationskompetenz der Verantwortlichen. Das Vertrauen in das Geothermieprojekt sei auch nach dem Beben vom 20. Juli kaum erschüttert. Und SVP-Fraktionschefin Karin Winter hätte einen gegenteiligen Entscheid des Stadtrats, also den Abbruch des 160-Millionen-Vorhabens, schlicht nicht verstanden. Das Volk habe den Kredit seinerzeit mit überwältigender Mehrheit gutgeheissen. Zumindest die Produktionstests zur Wasser- und Gasquantifizierung seien noch durchzuführen und die Lage anschliessend neu zu beurteilen.

Keine Angst vor weiteren Beben

Für einmal nahm die gestrige Sitzung des Stadtparlaments einen ungewohnten Anfang. Nicht die ordentlichen Traktanden wurden abgearbeitet, sondern zuerst einmal der Saal gewechselt. Quasi auf neutralem Boden, im Konzertsaal des Waaghauses, setzte Fredy Brunner den Parlamentarierinnen und Parlamentariern den Entscheid des Stadtrats zur Fortführung des Geothermieprojekts auseinander, den er gut zwei Stunden zuvor schon den Medien erörtert hatte: Das St. Galler Geothermie-Abenteuer soll trotz des überraschend unberechenbaren Untergrunds weitergehen.

Kein Widerspruch, kaum Fragen. Selbst die wenig erbaulichen Erdbeben-Szenarien, wie sie Stefan Wiemer vom Schweizerischen Erdbebendienst darlegte, beeindruckten wenig. Immerhin hält der ETH-Seismologe für den Raum St. Gallen auch natürliche Beben der Stärke 4,7 für möglich. So eines habe sich nämlich bereits zweimal in der Agglomeration zugetragen. Allerdings ist das schon eine Weile her: anno 1835 in Abtwil und gut 100 Jahre vorher in Arbon. Entsprechend rät er seinem parlamentarischen Publikum so ganz nebenbei, solche Ereignisse auch «bei Festlegung der Baunormen» zu berücksichtigen.

Auch «heftig» möglich

Wiemer schliesst generell für die Schweiz selbst Beben der Stärke 5,5 bis 6 nicht aus, die in Adjektiven ausgedrückt dann im Bereich zwischen «heftig und sehr heftig» anzusiedeln wären. Zum Vergleich: Für das doch recht gut spürbare St. Galler Geothermie-Beben wurde eine Stärke von 3,5 auf der Richter-Skala gemessen.

Noch ein Beben wäre das Ende

Ein weiteres stärkeres Beben würde nach Auffassung der Fraktionspräsidenten dann wohl das definitive Aus für das Geothermieprojekt bedeuten. Da ist man sich parteiübergreifend einig. Wenngleich Thomas Schwager «ein Nachbeben infolge Geothermie immer noch lieber ist als ein Erdbeben bei einem Atomkraftwerk».

Einhellige Unterstützung also für die «modifizierte Projektabwicklung» mit doch recht ungewissen Erfolgsaussichten? Die Stadt St. Gallen als Versuchskaninchen für die auf Bundesebene ausgerufene Energiewende innert der nächsten 37 Jahre? Roger Dornier und Philip Schneider widersprechen vehement: «Wir sind Pioniere und keine Versuchskaninchen.» Wenn auch nicht um jeden Preis, wie sogleich relativiert wird. Zumal die finanziellen Folgen der neuen Ausgangslage noch gar nicht bezifferbar sind. Die Bohrloch-Risiko-Garantie allein jedenfalls reiche nicht aus. Auch Daniel Kehl wünscht sich vom Bund daher «verbindliche Zusagen», finanzieller wie ideeller Natur. «Die Geothermie ist gesamtschweizerisch von Bedeutung. Das kann die Stadt St. Gallen längerfristig nicht alleine stemmen.»

Das weiss auch Fredy Brunner. Und er weiss auch um das «seismische Restrisiko», das besteht. «Die klaren Aussagen von Herrn Wiemer machen mich nicht nur glücklich», sagt er zum Schluss seines Vortrags. Der Respekt vor der Aufgabe sei daher eher noch gewachsen. thema 2+3