Der Mörder im Bild

Was bisher geschah: Sabrina Schmitt wird vergiftet, ihr Liebhaber erschossen. Die Suche nach dem Täter führt in die Vergangenheit. Vor Jahren starben Sabrinas Mutter und Schwester bei einem Autounfall mit Fahrerflucht. Sabrina hat den Schuldigen aufgespürt und erpresst.

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Krimi_am_See

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Was bisher geschah: Sabrina Schmitt wird vergiftet, ihr Liebhaber erschossen. Die Suche nach dem Täter führt in die Vergangenheit. Vor Jahren starben Sabrinas Mutter und Schwester bei einem Autounfall mit Fahrerflucht. Sabrina hat den Schuldigen aufgespürt und erpresst. Die Ermittler sind überzeugt: Er ist der Mörder.

Elena Simonelli blickte Karl Sommer verstohlen an. Auf dem Weg zurück auf den Polizeiposten hatte er kein einziges Wort gesagt. «Ich checke meine Mails», sagte Elena. Sommer brummte nur und ging in sein Büro. Jemand hatte eine Akte mit dem Polizeirapport des Unfalls auf seinen Schreibtisch gelegt. Nichts, das ihnen weiterhelfen würde. Sommer wollte die Akte gerade schliessen, als er den Namen des Polizisten las, der die Untersuchung geleitet hatte: Erich Berger. In diesem Moment stürmte Elena in sein Büro. «Die Kollegen in Bregenz haben in Mosers Büro eine Kiste mit fünf Flaschen Burgunder gefunden. Martin sagt, ihr Labor hat in allen Atropin gefunden.» Sommer zog seine buschigen Augenbrauen hoch. «Wir brauchen endlich die Kundenliste der Weinhandlung.» Elena sah auf die Akte in seiner Hand. «Der Unfallrapport?» Sommer nickte. «Und?» «Nichts. Aber rate einmal, wer die Untersuchung leitete? Berger.» Elena stiess einen Pfiff aus. «Ich bestelle ihn morgen auf den Posten. Du gehst noch einmal ins Internet-Café. Wir müssen wissen, wer BB1872 ist.»

*

Sommer hatte schlecht geschlafen. Die Gedanken in seinem Kopf fuhren Karussell. Hatte er wirklich eine goldene Trompete gesehen? Wie viele solcher Schlüsselanhänger gab es? Tausende. Trotzdem glaubte er nicht an einen Zufall. Sommer öffnete die Tür zum Vernehmungszimmer. Erich Berger lehnte am Tisch. Sie gaben sich die Hand und setzten sich. «Erinnerst du dich an den Unfall in Goldach, bei dem eine junge Frau und eines ihrer Mädchen ums Leben kamen?» Berger schaute Sommer wachsam an. «Natürlich, so einen Unfall vergisst man nicht», sagte er knapp. «Ihr habt den Fahrer nie gefunden?» «Wir kamen nicht weiter, das war frustrierend», sagte Berger vorsichtig. «Keine brauchbaren Hinweise? Seltsam.» «Was willst du damit sagen? Dass ich meinen Job nicht richtig gemacht habe?», empörte sich Berger. «Wieso interessiert dich der Unfall überhaupt?» «Die Frau war Sabrinas Mutter, Sabrina war der überlebende Zwilling», sagte Sommer. Berger zögerte den Bruchteil einer Sekunde. «Ihre Mutter? Das ist ja eine Überraschung.» Sommers Augen verengten sich. «Du wusstest das nicht?» Berger schüttelte heftig den Kopf. «Sabrina hat den Fahrer gefunden», sagte Sommer und beobachtete Berger aufmerksam. Ihm war, als sei dieser zusammengezuckt. Wenn ja, hatte er sich schnell wieder gefasst. «Wer war es? Wie hat sie ihn aufgespürt? Sie hat nie etwas gesagt», Bergers Stimme hatte einen professionellen Ton angenommen. «Sie hat nichts erzählt?» «Nein.» Sommer lehnte sich zurück. «Du kennst unseren Rechtsmediziner Fleming?», wechselte er das Thema. Berger hob die Schultern. «Wir sind zusammen aufgewachsen. Er hat mich für London engagiert.» «London?» «Er wird an irgend so einem Kongress für Forensiker aus der ganzen Welt ausgezeichnet. Ein riesen Ding. Ich soll ihm den Rücken freihalten, er kriegt Panik in grossen Menschenansammlungen. War's das?» Sommer nickte. Berger ging hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Er wusste, dass es Sabrina war, die den Unfall überlebt hat, dachte Sommer. Was verheimlichte er? Deckte er jemanden? Sich selbst?

*

Das Internet-Café am Hafenplatz war geschlossen. Elena blickte durchs Fenster. Zwei junge Männer beugten sich über einen Computer, der eine trug eine gestrickte Mütze. Elena klopfte und bedeutete ihnen, die Tür zu öffnen. «Sie haben es ja eilig? Was können wir für Sie tun, schöne Frau?», fragte der Mann ohne Mütze. Elena zeigte ihren Polizeiausweis. «Es geht um diese IP-Adresse.» «Ah ja, der User mit dem Pseudonym BB irgendwas.» «BB 1872», bestätigte Elena. «Nein, ich kann Ihnen nichts weiter sagen.» «BB1872?», mischte sich der Mann mit der Mütze ein. «Den kenne ich. Nicht gerade unser typischer Kunde.» Er schwieg kurz. «Ihm ist der Computer abgestürzt, ich musste ihn neu booten. Er war in so einem komischen Forum. Wussten Sie, dass der Yellowstone Nationalpark 1872 zum ersten Nationalpark der Welt ernannt wurde?» Elena blickte ihn fragend an. «Ich merke mir Jahreszahlen, das ist mein Hobby. Wissen Sie, wann der Computer erfunden wurde?» Elena winkte ab. «Können Sie den Mann beschreiben?» Sie nannte ihm das Datum, an dem BB1872 das Mail an Thomas Sonderegger geschickt hatte, um sich mit ihm zu treffen. «Besser, ich kann Ihnen ein Bild von ihm zeigen», sagte der junge Mann und deutete auf eine Kamera über ihren Köpfen. «Die haben wir vor zehn Tagen installiert.» Elena wartete ungeduldig, bis er die gesuchten Stelle auf dem Video gefunden hatte. «Hier, das ist er.» Elena erschrak. Sie kannte den Mann. War er der Mörder? Er war doch einer von ihnen? «Drucken Sie mir das aus», sagte sie mit gepresster Stimme. Sie schnappte sich den Ausdruck und hastete hinaus. Sommer war nicht im Büro. Elena trat an seinen Schreibtisch. Zuoberst lag eine Liste mit zwölf Namen. Die Kundenliste der Weinhandlung. Elena überflog sie. Beim fünften Namen hielt sie inne. Jetzt wusste sie, wohin Sommer gegangen war.

Andrea Sterchi

Einsendeschluss für den Krimi-Wettbewerb; Fr, 30. Nov.

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