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Der Mann, der Schach spricht

Seit er zwölf Jahre alt ist, hat Wolfgang Eisenbeiss die Schachfiguren kaum länger als sieben Tage nicht angerührt. Auch bei der letzten Stadtmeisterschaft schaffte es der 80-Jährige unter die ersten drei.
Janina Gehrig
Wolfgang Eisenbeiss organisierte einmal ein Schachturnier gegen einen Toten. (Bild: Ralph Ribi)

Wolfgang Eisenbeiss organisierte einmal ein Schachturnier gegen einen Toten. (Bild: Ralph Ribi)

Begabung, Geduld, Konzentration, Ausdauer. Das sei alles, was man brauche, um Schach zu spielen, sagt Wolfgang Eisenbeiss. «Und die Liebe dazu.» Er sitzt am Tisch in seiner Wohnung in Rotmonten. Vor ihm liegt die Rangliste des städtischen Schachturniers, das sich über sechs Wochen erstreckte und nach sieben Runden am 27. September zu Ende ging. «Eisenbeiss Wolfgang, 3. Rang», steht darauf. «Man nennt mich <Oldie>», sagt er und lächelt stolz. Denn Eisenbeiss, Turniersieger in den Jahren 1958 und 1959, ist mit 80 Jahren das älteste Schachclub-Mitglied. Nun sei es seine Aufgabe, diese Begeisterung an die Junioren weiterzugeben .

Nur gespielt, kaum geschlafen

Seit er zwölf Jahre alt ist, ist kaum eine Woche vergangen, ohne dass Eisenbeiss Bauer, Läufer und Turm über das schwarz-weisse Brett hat ziehen lassen. Beigebracht habe ihm das Spiel ein älterer Kollege. «Während der Kantizeit habe ich mit dem Sohn von Pfarrer Schmälzli jeweils bis tief in die Nacht gespielt.» Eisenbeiss, der in Steinach aufgewachsen war, besuchte erst den Schachclub Arbon, wechselte später zum Schachklub St. Gallen. Er stieg rasch auf, spielte diverse Turniere in der Schweiz. Bis heute trägt der Vater dreier erwachsener Kinder stets ein Taschenschach mit sich, wenn er in die Ferien verreist. Eisenbeiss steht auf und holt ein golden umrahmtes Bild von der Wand. Es ist eine Tuschezeichnung um 1880. Mehrere Männer beugen sich über ein Schachbrett. Das Spiel verbinde die Menschen seit dem 6. Jahrhundert. In jeder grösseren Stadt der Welt gebe es Schachclubs.

«Man redet Schach»

Besonders geblieben sei ihm der Besuch eines Clubs in Prag, kurz vor dem Prager Frühling 1968. «Da sassen 40 Leute um Tische herum, spielten Schach, analysierten oder rauchten.» Der Boden knarrte, in der Luft knisterte es. Über das Spiel sei man ins Gespräch gekommen über die Aufbruchstimmung im kommunistisch regierten Land. «Die Verständigung klappt über alle Sprachgrenzen hinweg. Man redete Schach.» Auch die Grenzen zwischen Jung und Alt würden schwinden. Und jene zwischen Reich und Arm. «Da spielt der Professor gegen den Hilfsarbeiter.»

Eisenbeiss steht wieder auf, trägt sein Schachbrett zum Tisch. Behutsam, als halte er ein Serviertablett mit zerbrechlichem Geschirr in den Händen. Dann betrachtet er die Figuren von oben. Wohin sie gehen, hat er bereits im Kopf. Er verschiebt den Springer auf C6. Seine Lieblingsfigur. Und stets sein erster Zug mit Schwarz. Mehr verrät er nicht. «Ich habe meinen Stil, wie jeder andere Spieler auch.» Aus Büchern habe er höchstens Eröffnungstheorien gelernt. Gegen den Computer zu spielen, liege ihm nicht. Ebenso wenig mag er Blitzturniere, wo bis zu 140 Züge in fünf Minuten gespielt werden. «Da wird aus der Hüfte geschossen. Die Kreativität geht verloren.»

Schachpartie mit einem Toten

Dann schliesst er die Augen. «Da gab es eine Schachpartie, in der es weniger um das Spiel als um meine geistigen Interessen ging.» Eisenbeiss, der als promovierter Wirtschaftsexperte jahrelang die Märkte an der New Yorker Börse analysiert hatte, befasst sich nämlich ebenso lange mit Esoterik und Parapsychologie. Um einen Beweis für das Leben nach dem Tod zu erbringen, organisierte er 1985 eine «Schachpartie gegen einen Toten», wie der «Sonntags-Blick» damals titelte. Er habe den in der Schweiz lebenden russischen Vizeweltmeister Viktor Kortschnoi gefragt, gegen welchen verstorbenen Grossmeister er am liebsten spielen würde. Die Wahl fiel auf den Ungarn Geza Maroczy, einer der weltweit stärksten Schachspieler vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei übermittelte der verstorbene Maroczy seine Schachzüge aus dem Jenseits an den Rumänen Robert Rollans, der als Schreibmedium bekannt war, selber aber kein Schach spielte. Die Jenseits-Partie dauerte sieben Jahre und acht Monate. Maroczy verlor im 48. Zug, das Medium Rollans verstarb kurz darauf.

Was blieb, sei der Beweis für das Leben nach dem Tod, sagt Eisenbeiss. Und die Erkenntnis, dass Schach «ein Geschenk des Himmels» sei. Eisenbeiss strahlt übers ganze Gesicht. Gegen wen würde er am liebsten spielen? «Gegen den Grossmeister Bobby Fischer. Obwohl ich kein Brot hätte.» Auch das gäbe eine Partie mit dem Jenseits. Der US-Amerikaner ist seit 2008 tot.

www.schachklub-sg.ch www.survivaltop40.com

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