Der Mann der bitterbösen Pointen

Zum 100. Mal las Urs Welter alias Hubertus Huber am Freitag seine Nachrichten im Restaurant Drahtseilbahn. Mit spitzer Zunge, todernster Miene und vor begeistertem Publikum.

Malolo Kessler
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Spröde, aber lustig: Urs Welter alias Hubertus Huber. (Bild: Ralph Ribi)

Spröde, aber lustig: Urs Welter alias Hubertus Huber. (Bild: Ralph Ribi)

Nein, noch nie. Nicht ein einziges Mal hat Urs Welter seinen satirischen Monatsrückblick zuerst vor Publikum geübt. Nicht ein einziges Mal in den letzten zehn Jahren. Aber vor jedem Auftritt im Restaurant Drahtseilbahn sei er nervös gewesen, sagt der Kabarettist. Und manchmal habe er sich gefragt: Warum mach ich das? Bin ich wahnsinnig?

Mit Hornbrille und Anzug

Das Restaurant Drahtseilbahn ist an diesem Freitagabend komplett voll. Wie immer, wenn Urs Welter alias Hubertus Huber seine Nachrichten liest.

Wer keinen Platz an den Tischen hat, sitzt auf dem Boden, steht an der Bar. Es ist ein gesetztes Publikum, ein treues Publikum. Während im Lokal angestossen wird, verwandelt sich Urs Welter hinter den Kulissen in Hubertus Huber. Er zieht Hornbrille und Anzug an und kämmt seine Haare über die Glatze. Punkt 21.10 Uhr tritt er zum 100. Mal an sein Rednerpult.

Seine 100. Nachrichten sind nicht nur ein satirischer Rückblick auf den letzten Monat, sondern ein Rückblick auf das letzte Jahrzehnt. In Huber'scher Manier selbstverständlich: bitterböse, bissig und bierernst.

Huber lässt nichts und niemanden aus. Für die 100. Nachrichten hat er seine 1200 A4-Protokolle auf 15 Seiten gekürzt. Er spricht vom «Prinzip Ogi» (erst einmal beginnen, dann gibt's kein Zurück mehr), das sich zum Erfolgsmodell entwickelt hat und heute auch beim FC St. Gallen Anwendung findet.

Von Bush, der bei Schweizer Bauern Sympathien gewann, weil diese meinten, er kämpfe mit dem geplanten Raketenabwehrschild gegen den Borkenkäfer. Von Bundesrat Blocher, «Jugos», die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, dem Verkauf der Leonhardskirche und Franz Jaeger. Offen sei zurzeit die Frage, was die drei verbleibenden Männer im Bundesrat zu tun gedenken, damit sie nicht zu sehr dominieren, liest Huber. Gelächter im Publikum, Huber bleibt ernst. Und die letzte offene Frage, welche die St.

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Nicht mit zehn Jahren gerechnet

Nach der abschliessenden Leuenberger-Parodie ist aus Huber wieder Welter geworden. Ein bisschen schüchtern, ein wenig wortkarg. Der Auftritt sei phantastisch gewesen, sagt er. Das sagt auch das Publikum von ihm.

«Ich habe zwar damit gerechnet, dass ich das einige Jahre mache. Aber nicht gerade mit zehn», sagt Welter. Ein paar Jahre wolle er noch weitermachen. Jahre, in denen er sich wahrscheinlich ab und zu wieder fragen wird: Warum mach ich das? Bin ich wahnsinnig? Und wenigstens auf die erste dieser Fragen gibt es eine Antwort: Weil es dem Publikum gefällt.