Der Kurator am Schankhahn

Das «Perronnord» hinter dem Bahnhof ist ein vitaler Treffpunkt, gleichzeitig aber auch eine schräge Kunstausstellung. Wirt Juri Schmid über falsche Toulouse-Lautrec und echte Liner, wahre und erfundene Geschichten hinter den Bildern.

Beda Hanimann
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«Das habe ich gerade gestern gekauft»: Juri Schmid mit einer Alpstein-Ansicht – zwischen Jassszene und Porträtserie von Teresa Peverelli. (Bilder: Benjamin Manser)

«Das habe ich gerade gestern gekauft»: Juri Schmid mit einer Alpstein-Ansicht – zwischen Jassszene und Porträtserie von Teresa Peverelli. (Bilder: Benjamin Manser)

«Wenn der echt wäre, könnten wir hier schliessen», sagt Juri Schmid und weist auf ein Bild neben dem Eingang. «Toulouse-Lautrec 1864–1901», steht da auf einem Schildchen am Rahmen. Schmid lacht ein trockenes Lachen, es klingt nicht wie echtes Bedauern darüber, dass der Toulouse-Lautrec eine Kopie ist. An den Wänden des «Perronnord» hängen auch Originale, etwa von den Ostschweizer Künstlern Beni Bischof und Teresa Peverelli. Doch echt oder nicht, wertvoll oder fehlerhaft, darauf kommt es Schmid bei seiner Sammlung nicht an. «Ein Bild muss mir einfach gefallen. Es muss eine Seele haben, dann bin ich dabei», sagt er.

Sammlung als Markenzeichen

Ein Flair für Kunst hat Schmid schon immer gehabt. Er habe Grafiker gelernt, neben manch anderem, hebt er an, hält dann inne und sagt: «Aber die Vergangenheit spielt eigentlich keine Rolle, es ist jetzt einfach so, wie es ist, egal, was ich vorher gemacht habe.» So, wie es ist, das bedeutet: «Ich betreibe ein Restaurant, fertig.»

Vor knapp zweieinhalb Jahren ist er im ehemaligen «Bierstübli» eingestiegen. Erst wurde entrümpelt, der Name «Perronnord» entstand, dann kamen die Bilder. Sachen aus dem eigenen Keller oder Estrich, Selbstgemaltes von Gästen, Fundstücke von Flohmärkten und Brockenstuben, die ihm Gäste zum Aufhängen überliessen. «Die Sammlung soll zum Markenzeichen werden», hat er schon damals nach der Eröffnung gesagt.

Beiz im besten Sinn

Seither ist die Sammlung stetig gewachsen. Sie trägt zum Flair des kleinen Lokals bei, in dem schon mal hinten Fernsehfussball und Musik laufen, in der Mitte gejasst und vorne dem Spargelschmaus gefrönt wird. Das «Perronnord» ist eine Beiz im besten Sinn mit einem bunten Gästemix. Künstler, Flohmarktfreaks, Büezer, Anwälte, Studenten, pensionierte Frauen, Musiker und Spinner machen ihn aus, auch diese Schmid'sche Aufzählung stammt aus den Anfangstagen. Das Lokal ist über die Stadt hinaus zum Geheimtip geworden, eben war der Fotograf da für die Neuauflage von Martin Jennis Buch «Cervelat und Tafelspitz» über stimmungsvolle Beizen in der Schweiz. Bei der ersten Auflage gab es das «Perronnord» noch nicht einmal.

Ein paar schöne Liner

Schmid geht in seiner Beizengalerie auf und ab, auf die Frage, wie umfangreich die Sammlung sei, muss er selber erst nachzählen. Auf 71 Exponate kommt er im zweiten Anlauf. Es ist ein Sammelsurium im besten Sinn, Kleinformate von wenigen Quadratzentimetern bis zu meterhohen Gemälden. Stiche, Zeichnungen, Fotos, Siebdrucke, Holzschnitte, Ölbilder, so ziemlich alle Techniken. Die Hälfte davon sind Leihgaben, doch immer wieder versucht Schmid, sie dem Besitzer abzukaufen. «Aus Angst, dass ich sie zurückgeben muss», sagt er.

Am Anfang habe er noch öfter umgehängt, allmählich aber gefällt ihm die Sammlung immer besser, wie sie hängt. Ein paar schöne Liner hätte er allerdings schon noch gern.

Tausend Geschichten

Und dann, im Herumgehen, im Stehenbleiben, beginnen die Bilder zu leben. Auch durch Schmids Ausführungen. Ein naives Katzenbild etwa habe über mehrere Umwege zu ihm gefunden, bis eines Tages eine Frau da war und staunte: Sie selbst hatte es einst als Kuratorin gekauft. Gegenüber hängt das Foto «Polizeistunde», das schon im Restaurant von Schmids Mutter und deren Mutter gehangen habe.

Und da ist das grossformatige Foto einer Familienszene um 1900. Der Mann in der Mitte sei der Bauherr der Häuserzeile an der Rosenbergstrasse, der Bub rechts sei dann der erste Wirt in diesem Lokal geworden, erzählt Schmid. Lacht sein trockenes Lachen. «Alles erfunden. Aber so kann man zu diesen Bildern tausend Geschichten erzählen.»

Ort der Begegnungen

Die Bilder zeigen Menschen, Landschaften, Stadtansichten, Sportveranstaltungen. Vor allem aber Menschen. Eine Gruppe von Jassern, eine fröhliche Trinkrunde in einem Keller, tanzende Kinder, Liebespaare, Porträts. Das ist kein Zufall. «Solche Motive hätte ich gern noch mehr», sagt Schmid. Denn eine Beiz sei ja ein Ort der Begegnungen, ein Ort der Menschen. Damit das im «Perronnord» so bleibt, wünschen sich die Stammgäste insgeheim wohl, Juri Schmid komme nie an einen echten Toulouse-Lautrec heran.

Juri Schmid «Perronnord»-Wirt (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Juri Schmid «Perronnord»-Wirt (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))