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«Der Körper wollte nicht mehr»

Mit seinen Bildern aus Krisengebieten will Fotograf Dominic Nahr die Menschen vor dem Vergessen bewahren. Vor 32 Jahren kam er in Heiden zur Welt. Wie er seine Seele im Gleichgewicht hält.
Michael Genova
Kriegsfotograf Dominic Nahr zu Besuch in der Schweiz. (Bild: mge)

Kriegsfotograf Dominic Nahr zu Besuch in der Schweiz. (Bild: mge)

Herr Nahr, auf einem Ihrer Bilder aus Somalia sieht man ein abgemagertes Kind, das am Tag nach der Aufnahme starb. Wie halten Sie solche Situationen aus?

Dominic Nahr: Zu jener Zeit herrschte in Somalia eine Hungersnot. Ich sah auch Kinder, die vor meinen Augen starben. Das war besonders hart. In solchen Momenten funktioniert man wie auf Autopilot.

Sie lassen das Leid nicht an sich herankommen.

Nahr: Doch. Du machst ja Fotos und musst in die Situation eintauchen. Ich schiesse Bilder mit dem Herz und aus dem Bauch heraus – nicht mit dem Kopf.

Wie reagieren Sie, wenn jemand vor Ihren Augen stirbt?

Nahr: Wenn du einfach dort stehst und nichts tust, ist es schwieriger, als wenn du einen Job machst. Ich muss mich auf meine Arbeit konzentrieren und möglichst starke Bilder schiessen. Dazu kommt: Das Klicken meines Auslösers ist nur der kleinste Teil meiner Arbeit. Viel wichtiger ist, dass du eine Verbindung zu den Familienangehörigen aufbaust.

Sie sprachen auch mit der Familie des verstorbenen Kindes?

Nahr: Bevor ich fotografiere, rede ich mit Angehörigen. Ich erwähne, dass ich ein Fotojournalist bin und die Bilder veröffentlicht werden. Viele sind einverstanden, dass ich ein Foto mache. Einige wollen hingegen nicht, dass sie oder ihre Angehörigen in den Medien auftauchen.

Verfolgen Sie die Bilder der Toten, die Sie fotografieren?

Nahr: Wenn ich abends die Bilder durchschaue, bin ich manchmal etwas schockiert. Daran merkt man, dass ich nicht wirklich anwesend bin, wenn ich die Fotos schiesse. Beim Fotografieren bin ich wie in einer anderen Person. Wenn ich nach Hause komme, schalte ich ab, schaue die Bilder an und denke: Wow, so viel Blut.

Dann fahren die Bilder richtig ein.

Nahr: Ich frage mich dann, warum ich nur auf einen bestimmten Ausschnitt fokussiert habe. Manchmal versuchst du ein besonders gutes Bild zu machen, das aber nie veröffentlicht werden kann.

Weil es viel zu brutal ist?

Nahr: Ja, es gibt Bilder, die so schockierend sind, dass sie keine Informationen mehr vermitteln.

Wann haben Sie als Fotograf genug Tote gesehen?

Nahr: Es gibt keinen bestimmten Moment. Es ist mehr so, dass irgendwann alles zusammenkommt. Ich war Ende 2013 beim Überfall auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi als Fotoreporter im Einsatz. Ich hörte die Schüsse fallen, doch plötzlich konnte ich meine Beine nicht mehr bewegen. Zwei Stunden lang konnte ich mich nicht mehr rühren. Der Körper wollte nicht mehr. Ich kam damals gerade aus Somalia zurück, wo ich beinahe entführt worden wäre. Es war eine krasse Zeit.

Und wie haben Sie darauf reagiert?

Nahr: Einige Monate machte ich keine Bilder mehr. Ich zog mich in mein Haus zurück und musste mich erst etwas ausruhen.

Haben Sie Angst, dass ein solcher Moment wiederkehrt?

Nahr: Ja, irgendwann kommt er bestimmt wieder.

Aber Sie machen trotzdem weiter?

Nahr: Ja. Ich wüsste nicht, was ich anderes tun sollte. Ich kann die Geschichten und die Leute, die ich getroffen habe, nicht zurücklassen. Ich weiss, wie es draussen ist. Ich habe die Büchse der Pandora geöffnet und kann sie schwer wieder schliessen.

Was treibt Sie an?

Nahr: Ich will, dass die Menschen nicht vergessen werden. Mit meinen Bildern möchte ich ein möglichst breites Publikum ansprechen. Ich will nicht nur die Leser des Nachrichtenmagazins «Time» erreichen, für das ich häufig fotografiere. In Zeiten von Instagram und Twitter besteht die Gefahr, dass du nur noch Informationen konsumierst, die dir gefallen. In fünfzig Jahren wird man meine Bilder vielleicht wieder anschauen – und sich an weit zurückliegende Ereignisse erinnern.

Was müsste geschehen, dass Sie sich eines Tages der Modefotografie zuwenden?

Nahr: Dann würde ich aufhören. Dieser Job, oder keine Fotografie. Sollte ich einmal aufhören, werde ich keine Kamera mehr anfassen.

Als Fotograf ziehen Sie rastlos von Krieg zu Krieg, geboren sind Sie aber in Heiden. Wie kam das?

Nahr: Meine Eltern haben sich in Sri Lanka kennengelernt und sind später nach Hongkong gezogen. Als meine Mutter in Heiden bei meinen Grosseltern zu Besuch war, fühlte sie sich unwohl und blieb länger. Deshalb wurde ich in Heiden geboren. Als ich zwei Monate alt war, kehrten wir nach Hongkong zurück.

Sehnen Sie sich manchmal nach einer Heimat?

Nahr: Je älter ich werde, desto stärker brennt der Wunsch in mir, eine Heimat zu haben.

Wo könnte sie liegen?

Nahr: Am ehesten in der Schweiz. Ich habe versucht in Hongkong und Nairobi zu leben, in Toronto, Berlin und Kairo. Ich hatte immer Mühe, mich zu entscheiden. Für die Schweiz muss ich mich nicht entscheiden – ich bin ja Schweizer. Ich muss nur noch herausfinden, in welcher Stadt ich leben will.

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