Der kleine Grosse

An seinem 95. Geburtstag hat der Italiener Giuseppe De Grandi beschlossen, das Gossauer Gemeinde- und Ortsbürgerrecht zu beantragen. Es wurde ihm gewährt.

Merken
Drucken
Teilen
Giuseppe De Grandi erledigt seine Post jeweils am Schreibtisch. Der 95-Jährige übersetzt noch immer Scheidungsurteile. (Bild: Urs Bucher)

Giuseppe De Grandi erledigt seine Post jeweils am Schreibtisch. Der 95-Jährige übersetzt noch immer Scheidungsurteile. (Bild: Urs Bucher)

gossau. Der 95jährige Giuseppe De Grandi wollte den Bericht sehen, bevor er veröffentlicht wird. Die Journalistin erklärte sich einverstanden und schickte ihm den Text per E-Mail. Er lebt in einem Studio mit antiken Möbeln. Ein grosses Pult mit einem Stuhl und ein mächtiger Wandschrank nehmen viel Raum ein.

Möbel aus Italien

Immer wieder nimmt De Grandi Ordner aus diesem Wandschrank, belegt, was er erzählt. «Das Mobiliar stammt aus der italienischen Renaissance. Es ist zwischen 200 bis 300 Jahre alt», erklärt der kleine Italiener und setzt sich in den Lehnstuhl.

Auf der anderen Seite des Zimmers liegt ein Laptop, stehen ein Drucker und der Fernseher. Wo ist das Bett? De Grandi sagt lachend, dass er täglich Fitness mache. Sagt's, zieht an einer Kastentüre und klappt sein Bett auf. Als seine Frau Antonietta vor zehn Jahren gestorben sei, habe er diese Wohnung gefunden. «Ein Glück.» Er fühle sich wohl hier.

40 Jahre auf Konsulat

Heute, ja, da gehe es ihm gut, sei er hochzufrieden. «Ich frage mich manchmal, warum ich ein solches Wohlsein verdient habe», sagt der betagte Mann. Er sei viel ruhiger geworden. Früher sei manchmal das italienische Temperament mit ihm durchgegangen – auch während der Arbeit. De Grandi war 40 Jahre lang im Konsulat in St. Gallen tätig. Er betreute italienische Einwanderer, wenn sie Schwierigkeiten mit den Behörden hatten oder war als Übersetzer tätig. 15 Konsuln habe er erlebt.

Der 95-Jährige erzählt lebhaft von seiner Arbeit als Konsularbeamter. Dass er geschätzt gewesen sei, habe er gespürt, als er 1959 an Tuberkulose erkrankt sei. Arbeitskollegen und Firmenexponenten hätten ihm geschrieben, dass sie ihn vermissten. Er fungierte auch als Übersetzer an Gerichten. Kaum zu glauben ist: Noch heute übersetzt De Grandi Scheidungsurteile von Deutsch auf Italienisch. De Grandi tippt die Texte in den Laptop. Die Hausarbeit erledigt ihm periodisch die Spitex der Pro Senectute.

Er isst zudem nach Plan auswärts: viermal in der «Pergola», zweimal in der «Zunftstube» und einmal in der «Piazza».

Nach Gossau geheiratet

Giuseppe De Grandi ist 1915 in St. Gallen geboren. Nach der Heirat mit Antonietta Populin ist er seit 1947 in Gossau wohnhaft. An einer Wand in seiner Wohnung hängen Fotos und Urkunden. «Alles Sachen, die mir wichtig sind», sagt De Grandi. Abgebildet sind seine beiden Söhne Felice und Emmanuele, ihre Frauen und seine vier Enkel.

Beide Söhne seien eingebürgert. «Für mich als Konsularangestellter war eine Einbürgerung damals kein Thema», sagt De Grandi. Am 19. März 2010 wurde es ein Thema: An diesem Tag feierte er den 95. Geburtstag. Zu den Gratulanten gehörten Stadtpräsident Alex Brühwiler und Stadtrat Paul Egger. «Was mich sehr gefreut hat», sagt De Grandi.

Italien, sein ursprüngliches Heimatland mit seiner jahrtausendealten Geschichte, konnte er aus familiären Gründen nicht so bereisen, wie er gerne gewollt hätte. Seine weiteste Reise nach San Felice Circeo verdankte er seinen in Rom wohnenden Verwandten. «Ich bin halt ein sesshafter Italiener», sagt er und lacht herzlich.

Am vergangenen Dienstag sass Giuseppe De Grandi in einer der vorderen Zuschauerreihen im Parlament. Ein Geschäft betraf ihn und weitere Einbürgerungswillige. Das Parlament erfüllte den Wunsch De Grandis und der anderen Gesuchsteller und erteilte ihnen das Gossauer Gemeinde- und Ortsbürgerrecht. (rb)