Der kleine Bär aus Amerika

Das Naturmuseum hat einen Neuzugang erhalten: Einen Waschbären, der im Toggenburg überfahren worden war. Der wissenschaftlich wichtige Fund wird aber auch kritisch beurteilt.

Ives Bruggmann
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Tierpräparator Lorenzo Vinciguerra bearbeitet den Waschbären aus dem Toggenburg. (Bild: Sabine Schmid)

Tierpräparator Lorenzo Vinciguerra bearbeitet den Waschbären aus dem Toggenburg. (Bild: Sabine Schmid)

Er ist der Beweis, dass es im Toggenburg Waschbären gibt. Das macht ihn für das Naturmuseum St. Gallen aus wissenschaftlicher Sicht wertvoll. Über den zuständigen Wildhüter landete der im Toggenburg überfahrene Waschbär kürzlich im Naturmuseum St. Gallen. Dort wurde ihm vom zoologischen Tierpräparator Lorenzo Vinciguerra als erstes die Haut abgezogen. Danach wurde diese gewaschen und gegerbt. So kann die Haut besser konserviert werden. «Die Tiere müssen schnell zu uns kommen, um die Haut retten zu können», sagt Vinciguerra.

Schädel wird aufbewahrt

Das bearbeitete Waschbärfell stülpt Vinciguerra über ein Modell aus Schaum. Auch Gebiss und Zunge sind künstlich. Der originale Schädel wird im Archiv des Museums aufbewahrt. Obwohl er beim Zusammenstoss verletzt wurde. Auch das Fell hat den Unfall nicht schadlos überstanden. Vinciguerra zeigt auf ein paar Nähte. Zu sehen sind diese aber nur auf der Innenseite der Haut, von aussen gesehen scheint das Fell intakt geblieben zu sein.

Mitte Januar wird Vinciguerra den Waschbären noch fertig präparieren. Danach wandert er zuerst in den Museumskeller, wo er aufbewahrt wird. Erst ab Mitte November des kommenden Jahres, wenn der Neubau des Naturmuseums eingeweiht ist, wird er dann in voller Pracht zu besichtigen sein. Das Naturmuseum ist gewissermassen auf solche Funde angewiesen. «Die Wildhüter wissen, was für uns interessant ist. Sie sind sensibilisiert auf spezielle Ereignisse», sagt Museumsdirektor Toni Bürgin.

In diesem Fall habe alles reibungslos funktioniert, und der Zustand des Tieres sei den Umständen entsprechend gut gewesen und das Präparieren des Tieres kein Problem. Dass ein Waschbär ins Museum gebracht wird, sei schon aussergewöhnlich. «Es ist zwar bekannt, dass es hier Waschbären gibt. Auch Jäger berichten das», sagt Bürgin. Aber die Bestände seien gering und Beweise für die Existenz von Waschbären kaum nachgewiesen. Für das Naturmuseum sind Hinweise aus der Bevölkerung oder Meldungen von Wildhütern wichtig. «Wir sind ja das Naturarchiv und versuchen zu dokumentieren, was in unserer Umgebung geschieht», sagt Bürgin. Deswegen seien Funde mit einer Geschichte dahinter wichtig. Solche Fälle wie mit dem Waschbären aus dem Toggenburg kämen nicht häufig vor und dennoch seien sie immer dankbar, wenn sie aus diesem Grund kontaktiert werden.

Für die Pelztierhaltung

Ursprünglich stammt der Waschbär aus Amerika. Vor rund 80 Jahren wurden die ersten Waschbären zum Zwecke der Pelztierhaltung nach Deutschland eingeführt. Später schafften die Kleinbären den Sprung in die freie Wildbahn Mitteleuropas, wo man dank der grossen Fruchtbarkeit heute über 100 000 Tiere zählt. Das anpassungsfähige Tier scheint sich auch in der Schweiz wohl zu fühlen. Aber es bringt auch Nachteile mit sich. In Deutschland fühlen sich die Waschbären in Menschennähe immer wohler. Hierzulande stellen sie noch keine Gefahr dar. «Der Waschbär hat jedoch ein ähnliches Nahrungsspektrum wie beispielsweise der Fuchs oder gewisse Marder», sagt Bürgin. Somit könne der Waschbär zum Konkurrent einheimischer Tierarten werden.

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