Der in die Natur begleitet

Wenn bei einem Klienten die Luft raus ist, führt er ihn in die Berge. Wenn es stockt, sucht er mit ihm das Wasser auf. Martin Manser nutzt die Elemente der Natur, um Menschen bei Problemen oder vor grossen Entscheidungen zu beraten.

Kathrin Reimann
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Martin Manser in seinem «Seminarraum» am Bavariabächlein oberhalb von Birnbäumen. (Bild: Michel Canonica)

Martin Manser in seinem «Seminarraum» am Bavariabächlein oberhalb von Birnbäumen. (Bild: Michel Canonica)

Der Nebel hängt dicht über St. Gallen, die Luft ist feucht, und vom Himmel tropft es. Doch für Martin Manser ist es das perfekte Wetter, um in die Natur zu gehen. Geübt bahnt er sich einen Weg durch den Wald oberhalb von Birnbäumen. Geht durchs dichte Dickicht, warnt vor glitschigen Stellen, bis eine Lichtung beim Bavariabach mit Feuerstelle und Baumstämmen zum Sitzen erreicht ist. «Mein Seminarraum», wie der 53jährige «leidenschaftliche Appenzeller» sagt.

Hierhin kommt er oft mit Klienten, die er wegen eines Anliegens in die Natur begleitet. «Die meisten suchen eine heilsame Erfahrung, wollen mit irgendetwas Frieden schliessen oder einen neuen Umgang damit erlernen.» Viele stehen aber auch vor grossen Entscheidungen, etwa ob sie eine Beziehung beenden oder den Job kündigen sollen. Doch jeder komme aus einem anderen Grund, brauche deshalb einen anderen Ort, und auch das Wetter spiele bei seinen Begleitungen jeweils eine Rolle. «Wenn bei jemandem etwas erloschen ist, machen wir Feuer, wenn es bei jemandem stockt, gehen wir ans fliessende Wasser, und wer in die Berge geht, kann den Kopf durchlüften.» So nutzt Manser die Elemente, denn die Natur sei immer ehrlich. «Sie verarscht dich nie.»

Heilung «by the way»

Seine «Begleitungen in die Natur» seien aber völlig unaufgeregte Ereignisse, ohne jegliches Tohuwabohu oder Urschreie. Oft reiche es schon, in der Natur tätig zu sein, Feuerholz zu sammeln, ein Feuer zu entfachen, ganz so, wie es Manser an diesem Vormittag tut. «Eine Frau konnte vor kurzem mit einer traumatischen Kindheitserfahrung abschliessen, indem sie am Feuer einen Gugelhopf zubereitete», sagt Manser. Dabei sei etwas Heilsames passiert, die Frau habe sich mit ihrer Mutter versöhnt. Meistens kämen die Einsichten unerwartet, oder «by the way», wie er sagt. Warum können die Leute mit Anliegen aber nicht einfach ohne Manser in die Natur und dort Heilung erfahren? «Das können sie schon, aber dann erleben sie immer dasselbe. Es ist wie in einem Training: Viele nehmen sich einen Coach, um weiterzukommen und dabei neue Erfahrungen zu machen.»

Alpsegen in der Stadt

Seit 25 Jahren arbeitet Martin Manser als naturtherapeutischer Berater, oder als Natur-Advisor, wie er es nennt. Seine Tätigkeit habe sich über die Jahre hinweg sehr verändert. Nach einem Studium der Sozialpädagogik in Zürich arbeitete er erst vorwiegend mit Jugendlichen in der Natur, teilweise im Ausland. Auch Erwachsene begleitet er, vor allem an Outdoor-Teamentwicklungsanlässen. «Heute mache ich fast nur noch Einzelbegleitungen in die Natur», sagt Manser. Denn er habe auch noch einige andere Projekte, wie etwa den Alpsegen. Diesen urschweizerischen Brauch wendet er spielerisch an, etwa bei öffentlichen Rundgängen über der Stadt oder bei seinen Begleitungen in die Natur. «Auf die Idee gebracht hat mich eine junge Frau aus Kosovo.» Diese habe während eines Ausfluges auf eine Alp nach dem Sinn und Zweck des Holztrichters gefragt. Manser erklärte und schlug ihr vor, das Erlebte durch den Trichter der Natur weiterzugeben. «Zu meinem Erstaunen sagte sie zu.»

Und so liess sie anstelle eines Betrufs ihre traumatischen Erlebnisse wie Bombardierung und Vergewaltigung durch den Holztrichter hindurch erklingen. «Das hat die Frau gestärkt, und sie konnte sich danach stark weiterentwickeln.»

Passion fürs Trommeln

Eine weitere Passion Mansers ist Gira. Diese Naturtradition ist ein afro-brasilianischer Brauch mit Trommelrhythmen, Gesang und Tanztrance. Neuerdings bietet sein Verein regelmässig öffentliche Veranstaltungen im Centrum Magnihalden in St. Gallen an. «Wer teilnimmt, kann seinen Umgang mit Fragestellungen und Problemlagen stärken.» Ausserdem tue die Farbigkeit und Lebensbejahung einer Gira einfach gut.

So ungewöhnlich Mansers Interessen für manchen klingen mögen: Der Wahl-St. Galler stellt klar, dass er ein ganz normaler Mensch sei. «Ich bin kein Grüner und auch kein <Fundi>. Ich fliege manchmal, geniesse das Leben in der Stadt, besuche das Kino und sündige zwischendurch.» Nur mit der Besonderheit, dass er auch viel Zeit in der Natur verbringe und Kraft aus ihr schöpfe. Und als das Interview vorbei ist, bleibt Manser im Seminarraum im Wald sitzen, trinkt Tee, den er über dem Feuer gebrüht hat, und isst vom Kürbis, den er über dem Feuer gegart hat.

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