Der Hund, der Blinden hilft

GOLDACH. Etwa 350 Blindenführhunde helfen Sehbehinderten in der Schweiz. Einige werden von der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundeschule ausgebildet. Am Samstag hat die Organisation in Goldach Einblick in ihre Arbeit gegeben.

Michel Burtscher
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Blindes Vertrauen: Eine Instruktorin der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundeschule mit Hündin Anouk auf dem Blindenparcours. (Bild: Michel Burtscher)

Blindes Vertrauen: Eine Instruktorin der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundeschule mit Hündin Anouk auf dem Blindenparcours. (Bild: Michel Burtscher)

Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Man muss sich beim Laufen vollkommen auf den Hund, der neben einem läuft, verlassen. Von ihm wird man geführt, über eine Treppe und an Hindernissen vorbei. Selber sieht man nämlich nichts. Der Gang ist unsicher. Und da ist auch die Angst, dem vierbeinigen Helfer auf die Füsse zu treten. Man ist orientierungslos, weiss nicht, wohin man läuft, wo die Hindernisse sind. Der Vierbeiner neben einem weiss es aber, denn das ist seine Aufgabe: Er ist ein Blindenführhund. Für die Leute, die den Blindenparcours absolvieren, ist es nur ein Experiment. Sie können die Augenbinde nach einigen Minuten ablegen und sehen dann wieder. Viele blinde Menschen in der Schweiz sind aber auf die Hilfe der speziell ausgebildeten Vierbeiner angewiesen.

350 Blindenführhunde

Wir befinden uns in einem Haus an der Seestrasse in Goldach. Hier ist der Sitz der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundeschule (OBS). Am vergangenen Samstagnachmittag hatte sie zum Tag der offenen Tür eingeladen, um Einblick zu geben in ihre Arbeit.

Die Stiftung in Goldach ist eine von vier Schulen in der Schweiz, die Blindenführhunde ausbilden. Im Moment sind schweizweit etwa 350 dieser tierischen Helfer im Einsatz – und das bei ungefähr 80 000 Sehbehinderten. Hier in Goldach werden pro Jahr rund acht Hunde ausgebildet. «Damit können wir die Nachfrage momentan decken», sagt Maya Uhland, Junghundetrainerin bei der OBS. Gegründet wurde die Stiftung im Jahr 1997. Sie ist die kleinste der vier Schulen und hat fünf Mitarbeiter. «Wir können auf die Unterstützung des Stiftungsrates und vieler ehrenamtlicher Helfer zählen», sagt Uhland.

Teure Ausbildung

Die Ausbildung eines Blindenführhundes dauert über zwei Jahre. Nach der sorgfältigen Auswahl eines geeigneten Hundes beim Züchter wird das Tier einer Patenfamilie übergeben. «Dort soll sich der Hund an die Umwelt und den Menschen gewöhnen», sagt Maya Uhland. Welche Voraussetzungen muss eine Patenfamilie erfüllen? «Sie muss viel Zeit für den Hund haben. Das ist das Wichtigste.» Im Moment findet die Stiftung genügend Paten.

Nach ein bis eineinhalb Jahren kommt der Hund wieder zur OBS und wird dort von den Instruktoren zum Blindenführhund ausgebildet. Das dauert mehrere hundert Trainingsstunden. Der Vierbeiner lernt die – italienischen – Befehle zu befolgen, sich nicht erschrecken zu lassen und Blinde zu Treppen, Zebrastreifen und Briefkästen zu führen. «Es ist nebst dem Assistenzhund die einzige Ausbildung, bei der man einen Hund für eine andere Person ausbildet», sagt Uhland. Darum sei sie auch sehr anspruchsvoll – und teuer: Die ganze zweijährige Ausbildung eines Blindenführhundes kostet rund 60 000 Franken.

Nach der Ausbildungsphase folgt der sechs Monate dauernde Einführungs-Lehrgang: Dort werden der Hund und der blinde Mensch aneinander gewöhnt, und der Blinde wird im Umgang mit dem Vierbeiner instruiert. «Aber auch nachher bleiben wir mit dem Blinden in Kontakt», sagt Maya Uhland. Man begleite den Hund eigentlich sein ganzes Leben lang.

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