Der Hang rutscht – doch wer zahlt?

GOLDACH. Seit 2002 rutscht der Hang westlich des Mehrfamilienhauses an der Haini-Rennhasstrasse 31. Die Stockwerkeigentümer sehen die Gemeinde in der Pflicht, den Hang zu sichern. Die Gemeinde argumentiert, der Hang sei Privatgelände. Neue Untersuchungen sollen jetzt Klarheit schaffen.

Corina Tobler
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Der Hang unter dem betroffenen Haus (rot) wird vom Kanton als gering rutschgefährdet eingestuft (gelb). (Bild: Karte: www.geoportal.ch)

Der Hang unter dem betroffenen Haus (rot) wird vom Kanton als gering rutschgefährdet eingestuft (gelb). (Bild: Karte: www.geoportal.ch)

Den Bewohnern des Mehrfamilienhauses an der Haini-Rennhasstrasse 31 ist's in ihrem Zuhause unwohl. Denn der Hang, an dem ihr Haus steht, ist in Bewegung. Je nach Niederschlagsmenge rutscht er bis zu einem Zentimeter pro Monat Richtung Fluss. Das Haus, so die jüngsten Messergebnisse, steht derzeit stabil. Doch was, so die bange Überlegung der Bewohner, wenn das Haus zu rutschen beginnt? Und wer kommt für allfällige Schäden auf?

«Hang rutscht auch ohne Fluss»

Darüber streiten sich zurzeit die Stockwerkeigentümer – im 2000 fertiggestellten Haus befinden sich sieben Eigentumswohnungen – und die Gemeinde. «Dass der Hang rutscht, ist unbestritten. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Ursache für die Rutschung die Goldach ist oder ob die im Hang vermutete Gleitschicht das Rutschen unabhängig vom Fluss auslöst», erklärt Gemeindepräsident Thomas Würth den kritischen Punkt. Für den Unterhalt des Flussufers ist die Gemeinde zuständig – ist der rutschende Hang also auf die Goldach zurückzuführen, wäre die Gemeinde finanziell in der Pflicht. Im anderen Fall aber handelt es sich um einen Privathang, für den die Stockwerkeigentümer verantwortlich sind. Die Gemeinde vertritt den zweiten Standpunkt. «Der Hang rutscht, wenn Niederschlag im Boden versickert. Dieses Wasser sammelt sich in der vermuteten Gleitschicht und bringt den Hang zum Rutschen. Das Wasser kommt nicht aus der Goldach. Ich kann nicht verlangen, dass die Steuerzahler einen Privathang sanieren müssen – auch wenn ich die Frustration und die Sorgen der Stockwerkeigentümer verstehe», sagt Würth.

Massive Verbauung gefordert

Seine Aussagen stossen bei den Bewohnern des Hauses auf wenig Verständnis. «Meiner Meinung nach hat die Gemeinde mit der Erteilung der Baubewilligung die Aufgabe übernommen, dafür zu sorgen, dass die Goldach und der rutschende Hang unser Haus nicht gefährden. Dieser Aufgabe ist die Gemeinde bis jetzt nicht nachgekommen. Wir fordern eine massive Verbauung des Ufers», sagt Bruno Seiler, Sprecher der Stockwerkeigentümer. Er dokumentiert die Geschehnisse seit 2002, als das Jahrhunderthochwasser viel Material mitriss. Seiler ist aufgrund der bisher gemachten geologischen Untersuchungen überzeugt, dass das Hochwasser der Ursprung für die Bewegung des Hanges ist. «Dies bestätigen sowohl unser Geologe Rudolf Rüegger als auch Kaspar Fröhlich, der im Frühling dieses Jahres für die Gemeinde einen Expertenbericht verfasste. In jenem Bericht steht, der Hang sei nach dem Hochwasser 2002 in Bewegung geraten. Die Fussentlastung und Destabilisierung des Hanges durch die weggerissene Böschung hätten vermutlich die Rutschung ausgelöst», sagt Bruno Seiler. Der Bericht kommt allerdings auch zum Schluss, der Bau des Hauses habe zur Destabilisierung beigetragen und es sei fraglich, ob nach den Regeln der Kunst gebaut wurde. Dafür, so Thomas Würth, sei die Gemeinde nicht zu behaften.

Familien finanziell am Anschlag

Die Instabilität des Hanges wurde 2005 sichtbar, als es zu grossen Rutschungen kam. In der Folge musste das Fundament gesichert werden; die Eckstütze des Sitzplatzes im nordwestlichen Erdgeschoss des Hauses hing in der Luft, dazu wurden am Haus Risse sichtbar. Die nötige Sicherung des Fundaments und die Erneuerung der Pergola sowie Kosten für Anwälte, Messungen und Ingenieur belaufen sich bisher auf 120 000 Franken – zulasten der Stockwerkeigentümer. Diese Kosten bringen jetzt schon einige von ihnen, insbesondere Familien, an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit. «Wir mussten im vergangenen Jahr 11 000 Franken zahlen. Ich weiss nicht, woher wir künftig das Geld nehmen sollen – in diesem Haus wohnen keine Millionäre, sondern ganz normale Menschen», verleiht eine Stockwerkeigentümerin ihren Sorgen Ausdruck. «Wie der Gemeindepräsident solchen Leuten ins Gesicht sagen kann, dass es nicht sein Problem sei, wenn ihr Haus den Bach runter geht, das verstehe ich nicht», sagt Bruno Seiler kopfschüttelnd.

Geologe Rudolf Rüegger habe berechnet, dass eine Sicherung des Hauses mittels Pfählung in den festen Gesteinsuntergrund rund 600 000 Franken kosten würde – ein Betrag, den die Stockwerkeigentümer nicht stemmen können. Auch auf die Baufirma kann nicht zurückgegriffen werden – die Tschima Wohnbau AG ging 2009 Konkurs. «Sie verbaute 2005, als die Garantiefrist noch lief, einen 20 Meter langen Betonriegel im oberen Hang. Damals ging man von einer oberflächennahen Gleitschicht aus. Das Messrohr, das damals in den Boden versenkt wurde, ist aber nun in zehn Metern Tiefe geknickt, so dass davon auszugehen ist, dass die Gleitschicht dort liegt», sagt Bruno Seiler. Und dieser Gleitschicht müsse durch die Gemeinde mittels Uferverbauung an der Goldach ein Widerstand geboten werden, um den Hand zu stabilisieren. Die Gemeinde sieht sich aber dafür nicht in der Pflicht. «Sie tat bis 2007 nichts und liess die Zerstörung des Hangs und die Rutschung 2005 zu.»

Uneinigkeit über Holzkasten

Tatsächlich wurden rasch Vorschläge eingeholt, die im Dezember 2003 als Hochwasserschutzprojekt vorgestellt wurden. Involviert waren Goldach, Tübach, Horn und Mörschwil sowie die Kantone St. Gallen und Thurgau. Im Juni 2005 sagten die Stimmbürger Ja zum revidierten Projekt, im September 2006 begannen die Arbeiten. Unterhalb der Haini-Rennhasstrasse 31 wurde 2007 ein Holzkasten in die Böschung gebaut. «Ich war von Anfang an gegen den Bau dieses Kastens – er kann den Hang nicht stabilisieren», betont Seiler. Dem entgegnet Thomas Würth, dies sei auch nicht seine Funktion. «Anders als unlängst im «Beobachter» und im «20Minuten» behauptet wurde, soll der Holzkasten nicht den Hang stützen, sondern lediglich die Erosion am Prallhang des Flusses verhindern.» Zurzeit wird an der Verbauung wieder gearbeitet – das Holz wurde im Laufe der Zeit unterspült. Nun wird der Bereich davor für 80 000 Franken aufgeschüttet und mit grossen Steinen versetzt. «Den Schotter, der zwischen die Stämme im oberen Teil des Holzkastens geschüttet wurde, presste der Hang nach dem Niederschlag vom Montag schon wieder raus. Das zeigt, wie durchlässig diese Verbauung ist», sagt Bruno Seiler.

Juristisches Gutachten folgt

Die Gemeinde will nun die Situation endgültig klären und möchte von einem neutralen Geologen detaillierte Untersuchungen machen lassen. Die Kosten von 70 000 Franken, so der Vorschlag, sollen sich die Gemeinde, die kantonale Gebäudeversicherungsanstalt, das kantonale Forstamt und die Stockwerkeigentümer teilen. «Dieses Angebot haben wir gemacht, ohne dass eine Rechtspflicht bestünde. Zudem haben wir ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben», sagt Thomas Würth. Die Messungen würden in Angriff genommen, sobald alle beteiligten Parteien zustimmten. «Sollte festgestellt werden, dass die Gemeinde für den Hang zuständig ist, zahlen wir auch.»

Zurzeit wird unter dem Mehrfamilienhaus (Mitte oben) der Holzkasten zum Erosionsschutz saniert. (Bild: Corina Tobler)

Zurzeit wird unter dem Mehrfamilienhaus (Mitte oben) der Holzkasten zum Erosionsschutz saniert. (Bild: Corina Tobler)