Der gute Mensch von der HSG

Er ist Student an der Universität St. Gallen. Das Klischee des «profitgeilen Neoliberalen» erfüllt Yves Störi aber nicht: Während eines Sozialeinsatzes hat er einer brasilianischen Familie ein Haus gebaut. Bezahlt aus der eigenen Tasche.

Sarah Schmalz
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Yves Störi auf seiner Baustelle. Im Nordosten Brasiliens hat er einer Familie ein Haus gebaut. (Bild: pd)

Yves Störi auf seiner Baustelle. Im Nordosten Brasiliens hat er einer Familie ein Haus gebaut. (Bild: pd)

Als Elite-Uni und Kaderschmiede für die Wirtschaft wird die Universität St. Gallen von vielen wahrgenommen. Von manchen gar als Schmiede jener Abzocker, über die das Volk kürzlich das Fallbeil gesenkt hat. Wer sich für ein Studium am Rosenberg entscheidet, sieht sich immer wieder mit solchen Klischees konfrontiert.

Von Brasilien nach Diepoldsau

Yves Störi, 22jährig, studiert Wirtschaft, weil «mich das am wenigsten einschränkt». Zum wuscheligen Lockenkopf trägt er Kapuzenpulli und Jeans. Vor einem Monat ist Störi aus seinem Zivildiensteinsatz im Nordosten Brasiliens zurückgekehrt. Dort, im 800-Seelen-Dorf Fortaleza dos Nogueiras, hat er während sechs Monaten Kinder in Musik unterrichtet. Und er hat, mit seinem Erwerbsersatz, einer Familie ein Haus gebaut.

Nach der Rückkehr aus Fortaleza dos Nogueiras ist Störi wieder in sein Elternhaus in Diepoldsau eingezogen; an den geregelten Alltag in der Schweiz musste er sich erst wieder gewöhnen: Busfahrpläne statt der grossen Freiheit der Motorradfahrten auf holprigen Landstrassen. Mit Gitarre, 50 Mundharmonikas und Keyboard war er im vergangenen September aufgebrochen. Seit seiner Kindheit macht Störi Musik, seine Band spielt «alternative Musik a là <mumford and sons>». Das lokale Hilfsprojekt hat er ausfindig gemacht, nachdem der Dienstbefehl ins Haus geflattert war: «Ich wollte nicht mehr zum Militär.»

«Ich suche den Zwischenweg»

Störi ist nun wieder Wirtschaftsstudent. Für ihn kein Widerspruch zu seinem sozialen Engagement. «Gewinnmaximierung», sagt er, «klar ist das an der HSG ein Thema. Doch auch am Rosenberg wandelt sich das Bewusstsein.» Die Wirtschaftsethik gewinne immer mehr an Bedeutung; «und viele meiner Mitstudenten sind sozial eingestellt.» Kein Spagat also ist es, den Störi versucht: «Ich suche vielmehr einen Zwischenweg.» Kürzlich hat er sich für das Studium ein Mac-Book gekauft, «obwohl diese unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden». Er wolle die Gesellschaft nicht neu erfinden, sagt Störi. «Sondern vielmehr zeigen, dass mit Wille und Überzeugungskraft überall etwas erreicht werden kann.» Ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen, ist Störi nach Brasilien gereist. Nach einer Woche war er nahe dran, alles hin- zuschmeissen: «Es war hart, mit niemanden kommunizieren zu können.» Geblieben ist er wegen der «unglaublich fürsorglichen Gasteltern». Und wegen der Schulkinder: «Ihre Begeisterung hat mich zum Weitermachen motiviert.» Viele von ihnen stammten aus schwierigen Verhältnissen; das Schicksal dreier Geschwister berührte den Diepoldsauer besonders: «Sie lebten in einer Hütte aus Palmblättern, ausserhalb des Dorfes. Kochten auf einer Feuerstelle. Das Dach war undicht, alles war feucht, und immer wieder krochen Schlangen in die Hütte.» Neun Personen lebten in der Hütte: die drei Schulkinder, ihre kleinen Geschwister und drei Erwachsene.

Von der Skizze zum Haus

Der Impuls, zu helfen, sei sofort da gewesen, erzählt Yves Störi. «Ich dachte mir: Meine Güte, worum wir uns bloss sorgen.» Am selben Abend zeichnete er den Grundriss für das Haus, das später tatsächlich gebaut wurde: Küche, Wohnzimmer, drei Schlafräume, 11,5 auf sechs Meter. Ein Mitarbeiter des Hilfsprojektes zeigte den Plan seinem Bruder, einem Baufachmann. Der schätzte den finanziellen Aufwand für alle Bau-materialien auf «lediglich» 7000 Franken. Das Hausprojekt war geboren.

«Vielleicht liegt's am starken Glauben der Brasilianer», sinniert Störi. Jedenfalls habe die Familie das Haus ohne zu zögern angenommen. «Als hätte es ihnen das Schicksal beschert.» Die Nachbarn hätten keinen Neid gezeigt, sondern sich, im Gegenteil, für die Beschenkten gefreut. Auch dank ihrer Hilfe war das Haus nach zwei Monaten, eine Woche vor Weihnachten, fertig. Störi, der zwischen den Unterrichtslektionen selbst auf der Baustelle mit angepackt hat, erinnert sich gut an das Einweihungsfest an Weihnachten: «Es fing an zu regnen. Als alle ins Trockene geströmt sind, das war ein denkwürdiger Moment.»

Nach dem Bachelor möchte Störi zurück nach Brasilien. «Ein langfristiges Projekt aufbauen.» Eines ist sicher: Die Musik soll dabei eine zentrale Rolle spielen.

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