Der Göttin kräftig einheizen

Andere haben eine Modelleisenbahn daheim, der Mörschwiler Stefan Dietz hat eine original Dampflokomotive. Damit zu fahren, ist Spass und schweisstreibende Arbeit gleichermassen.

Corinne Allenspach
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Schwerarbeit im Führerstand der BT 9. Für 240 Kilometer Fahrt müssen drei Tonnen Steinkohle in die Feuerbüchse geschaufelt werden. (Bilder: Adrian Peterhans)

Schwerarbeit im Führerstand der BT 9. Für 240 Kilometer Fahrt müssen drei Tonnen Steinkohle in die Feuerbüchse geschaufelt werden. (Bilder: Adrian Peterhans)

Es ist kurz nach 6 Uhr morgens und brütend heiss im Lokführerstand. Martin Künzler zieht die schwarzen Handschuhe aus, wischt sich den Schweiss von der Stirn, trinkt einen Schluck Wasser. Dann greift er wieder zur Schaufel, öffnet die dicke Stahltüre der Feuerbüchse und wirft Kohle ins lodernde Feuer. Kilo um Kilo, alle paar Minuten. Bereits seit 4 Uhr heizt der Rorschacherberger Euphrosyne kräftig ein. Die Dampflokomotive Eb 3/5 BT 9, die nach einer griechischen Halbgöttin benannt ist, und deren Name so viel wie Anmut, Grazie bedeutet, ist der ganze Stolz des Dampfloki-Clubs Herisau (DLC). Vor über 100 Jahren, 1910, hatte die Bodensee Toggenburgbahn (BT) total neun deutsche Lokomotiven dieses Typs beschafft. Heute ist die BT 9 noch die einzige, die in Betrieb ist. Dank des unermüdlichen Einsatzes einer Handvoll Freunde der Dampfromantik. Die BT 6 wird im Tessin zurzeit wieder fahrbar gemacht, die anderen Dampfloks wurden verschrottet.

100 Stunden Fahrpraxis pro Jahr

Das Dampfzeitalter, das ist eine Ode an die Langsamkeit. Ganze fünf Stunden vor der Abfahrt beginnt das Einheizen der BT 9. «Wir nehmen uns extra viel Zeit, um das Material zu schonen und Schäden zu vermeiden», sagt der Mörschwiler Stefan Dietz. Der 52jährige Bauingenieur und Vater zweier Töchter ist Technik-Verantwortlicher im Dampfloki-Club. Und eines von sechs Mitgliedern, die die BT 9 fahren. Das geht aber nicht einfach so. Dazu braucht es eine Lokführer-Prüfung, regelmässige medizinische Checks und 100 Stunden Fahrpraxis pro Jahr.

Die Faszination für Eisenbahnen kommt bei Stefan Dietz nicht von ungefähr. Sein Vater Walter Dietz war jahrelang Direktor der BT, die später mit der SOB fusionierte. Noch heute ist der 82-Jährige Mitglied im DLC.

Alles voll Dampf nach Explosion

Euphrosyne zischt, schnaubt und pfuft, als wolle sie sich solidarisch zeigen mit den schwitzenden Dampfloki-Fans, die Hand an ihr anlegen. Im blauen Übergwändli, mit Stahlkappenschuhen, Dächlikappe gegen den Kohlestaub, Ölkännli und Lappen ausgerüstet, verteilt Stefan Dietz hier einige Tropfen Öl, schmiert da ein Lager, poliert dort ein Stück Metall. Losgefahren wird erst, wenn sämtliche mechanischen Teile geschmiert sind. Trotzdem muss jederzeit mit einer technischen Panne gerechnet werden, wie Dietz weiss. Erst 2015 war eine grössere Reparatur nötig. Eines der 150 Rauchgasrohre, die das Wasser im Dampfkessel wärmen, war zerborsten. Der ganze Führerstand stand unter Dampf. Die Folge: Sämtliche 150 je vier Meter langen Rohre mussten ersetzt werden. Inzwischen habe Euphrosyne wieder «ein gutes Laufverhalten», sagt Stefan Dietz, und es tönt gerade so, als spreche ein Jockey von seinem Pferd.

Bis 1965 für SBB in Betrieb

Bis vor fünf Jahren war die BT 9 am Bahnhof Herisau stationiert und dampfte auch häufig durch die Stadt St. Gallen. Inzwischen ist die Loki in Bauma, im Züri Oberland, daheim. Dort fährt sie oft auf der Stammstrecke Bauma–Bäretswil–Hinwil. Fahrten sind auf Voranmeldung aber auf dem ganzen Eisenbahnnetz der Schweiz möglich.

An diesem Tag steht eine besondere Fahrt bevor, nach Meilen am Zürisee: Die Jubiläumsfahrt zum 50jährigen Bestehen des Dampfloki-Clubs Herisau. Die Gründungsmitglieder hatten die BT 9 im Jahr 1965 gekauft und so vor dem Verschrotten gerettet. Bis in die 1930er-Jahre war die Loki für die BT in Betrieb, danach bis 1965 für die SBB. Euphrosyne ist 74 Tonnen schwer, davon sind zehn Tonnen Wasser, was für 120 Kilometer Fahrt reicht, und drei Tonnen Kohle für 240 Kilometer. Die Loki kann bis zu 1500 PS erreichen und eine Geschwindigkeit von 75 km/h.

Heizen macht besonders Spass

Kurz nach 8 Uhr ist die BT 9 startklar, mit Martin Künzler als Heizer und Stefan Dietz als Lokführer. Spass mache beides, das Heizen und das Fahren, sagt Dietz. «Aber das Heizen ist noch anspruchsvoller und drum fast ein bisschen lässiger.» Was den Mörschwiler besonders fasziniert, ist, auf welch technisch hohem Niveau die Loki ist. «Dass unsere Vorfahren so etwas zustande brachten, das 100 Jahre später immer noch funktioniert, ist wahnsinnig.» Am Dampfloki-Fahren gefalle ihm aber auch, dass es ein Hobby sei, das nicht jeder ausübe. Und der 27jährige Dimitri Kink, der die Ausbildung zum Lokführer absolviert, ergänzt grinsend: «Die einen werden irgendwann erwachsen, die anderen fahren Dampfloki.»

Dampfloki lässt keinen kalt

Im Führerstand der BT 9 ist es inzwischen noch heisser, die Haut fühlt sich an wie Schleifpapier, bedeckt mit einer feinen Schicht Kohlestaub. Für die Mitglieder des DLC ist der charakteristische Geruch von Steinkohlefeuer wie Parfum: «Das stinkt nöd, das schmöckt», schwärmen sie, während sie Überland dampfen. Mit der Begeisterung für Euphrosyne sind sie nicht allein. Wo immer die Loki auftaucht, winken die Leute, bleiben stehen, knipsen ein Foto mit dem Handy. Keiner, der unbeeindruckt bleibt vom 74-Tonnen-Sympathieträger, der ein Stück Entschleunigung bringt in einer rasend schnellen Zeit.

Vor jeder Fahrt müssen alle mechanischen Teile geschmiert werden. (Bild: ADI)

Vor jeder Fahrt müssen alle mechanischen Teile geschmiert werden. (Bild: ADI)

Kurze Pause beim historischen Bahnwärterhäuschen in Bauma. (Bild: ADI)

Kurze Pause beim historischen Bahnwärterhäuschen in Bauma. (Bild: ADI)

Wo immer die BT 9 auftaucht, zieht sie interessierte Blicke auf sich. (Bild: ADI)

Wo immer die BT 9 auftaucht, zieht sie interessierte Blicke auf sich. (Bild: ADI)

Martin Künzler (links) und Stefan Dietz im Führerstand der BT 9. (Bild: ADI)

Martin Künzler (links) und Stefan Dietz im Führerstand der BT 9. (Bild: ADI)

Euphrosyne dampft Überland, stilecht mit historischen Wagen. (Bild: pd/Dampfloki-Club Herisau)

Euphrosyne dampft Überland, stilecht mit historischen Wagen. (Bild: pd/Dampfloki-Club Herisau)

Bild: CORINNE ALLENSPACH

Bild: CORINNE ALLENSPACH