Der frühe Vogel fängt den Wurm

Jeden Moment müsste die Sonne aufgehen. Kurz nach halb sechs verlässt ein Fischerboot den Rorschacher Hafen und zieht eine lange Linie in den spiegelglatten See. «Schön, diese Ruhe», meint René Wacker aus Arbon. Er ist einer der vielen Standbetreiber am diesjährigen Rorschacher Flohmarkt.

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Schnäppchenjäger sind in den frühen Morgenstunden am Rorschacher Flohmarkt an der Seepromenade unterwegs. (Bild: Marco Kamber)

Schnäppchenjäger sind in den frühen Morgenstunden am Rorschacher Flohmarkt an der Seepromenade unterwegs. (Bild: Marco Kamber)

Jeden Moment müsste die Sonne aufgehen. Kurz nach halb sechs verlässt ein Fischerboot den Rorschacher Hafen und zieht eine lange Linie in den spiegelglatten See. «Schön, diese Ruhe», meint René Wacker aus Arbon. Er ist einer der vielen Standbetreiber am diesjährigen Rorschacher Flohmarkt. Und – so behauptet er – der Erste, der hier war heute morgen. «Man muss zeitig sein. Die ersten Schnäppchenjäger kommen früh», sagt er.

Verschiedene Porzellanfiguren, einige Elvis-Schallplatten, eine Rosenquarz-Lampe und weitere ausgesuchte Objekte bietet er zusammen mit seiner Frau an. «Dieses Titanic-Bild hier, schön gerahmt, wird sicher begehrt sein», sagt er. Schliesslich sei dieses Jahr die Titanic wieder aktuell, denn es sei ja das 100-Jahr-Jubiläum.

Flohmarkt-Profis am Werk

Langsam füllt sich der Kabisplatz mit Autos, darunter Kennzeichen aus der ganzen Schweiz, als wäre es ein hochsommerlicher Samstagnachmittag. Überall kreuzen sich Leute mit Kisten und Kleiderständern auf dem Weg zu ihrem gemieteten Stand. «Das sind alles Profis. Zehn bis zwanzig Prozent von ihnen leben von den Flohmärkten», erzählt Wacker. Das sieht man: Einige Fahrzeuge ziehen Anhänger mit, andere Leute kommen mit dem VW-Transporter, in dem die Verkaufsware nach einem System eingeräumt scheint, als würden sie jedes Wochenende an einem anderen Flohmarkt verkaufen.

Langsam macht sich die Sonne bemerkbar. Eine Frau schiesst mit dem Handy ein Foto von dieser Szene, geht dann aber schnell wieder an die Arbeit. Ihr Mann erzählt in Baslerdeutsch, dass er das erste Mal an diesem Flohmarkt sei. «Wir haben ein Inserat in der Zeitung gesehen», sagt er. Ob er es gut finde hier oder nicht, könne er erst um 16 Uhr sagen: «Je nachdem, wie wir verkaufen», sagt er und macht sich dann wieder ans Ausräumen seiner Bananenschachteln. Das Ambiente und der angrenzende See sind für einige Verkäufer anscheinend unwichtig – Hauptsache, das Geschäft läuft.

Gewerbe passt sich an

Weiter östlich beim Pavillon am See. Eine Serviertochter kommt und meint, die Kaffeemaschine wäre noch am Aufheizen. Öffnet die Gartenbeiz denn immer schon so früh? «Nein, aber heute machen wir eine Ausnahme. Auch als kleine Aufmerksamkeit gegenüber den Standbetreibern. Die meisten von ihnen sind ja um sechs Uhr morgens schon hier. Und wer mag da keinen Kaffee?» Überall sind Leute auf dem Platz. Kisten werden herumgetragen, die Stände schön hergemacht. Plötzlich fällt auf, dass einige Leute mit grossen blauen Tragtaschen um die Schulter umhergehen. Jeder Stand wird unter die Lupe genommen. «Der dort hinten», sagt ein selbsternannter Kenner, sei «an jedem Flohmarkt». Der Mann sei ein Antiquitätenhändler aus dem Thurgau, zu dessen Geschäft es gehöre, dass er immer wieder neue Gegenstände in seinem Angebot habe.

Stöbern mit Vorstellungen

Der Antiquitätenhändler geht weiter. An einem Stand in der Nähe des Seerestaurants liegen viel Plastikwaren: Kinder-Keyboards, Videospiele, Plastikfiguren, die man aus Science-Fiction-Filmen kennt. Als wären diese Dinge gar nicht da, übersieht er sie konsequent. Sein Blick bleibt an einer Vase hängen. «Ist die aus der Römerzeit?», fragt er den Mann am Stand. «Jaja, klar, Römerzeit!», antwortet dieser. Der Antiquitätenhändler, der sich offenbar gut auskennt und Replikate sofort erkennt, stösst ein lautes Lachen aus. Doch das fällt nicht auf, auch wenn es erst kurz vor 7 Uhr ist. Der Uferweg ist nämlich schon so belebt wie an einem Sonntagnachmittag.

Marco Kamber