Der fortschrittliche Pragmatiker

Seit zehn Jahren ist Thomas Scheitlin Stadtpräsident. Eine Funktion, die ihm lieber ist als jene des Politikers. So ist seine Arbeit nicht immer auf der Linie seiner Partei, der FDP, aber immer für die Stadt.

Elisabeth Reisp
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Jedermann kennt ihn – scheinbar. Denn vieles gibt Thomas Scheitlin nicht von sich preis. Bild: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Jedermann kennt ihn – scheinbar. Denn vieles gibt Thomas Scheitlin nicht von sich preis. Bild: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Der Graue. Ein Titel, den sich Stadtpräsident Thomas Scheitlin nicht ausgesucht hat, und ihn abzuschütteln zu seiner Sisyphos-Aufgabe geworden ist. «Ich mag Professionalität und ja, ich bin keiner, der mit einem Bierhumpen vor sich jeden Abend am Stammtisch sitzt», entgegnet er auf die Vorwürfe, er sei ein farbloser Beamter. Er tut es mit einem Achselzucken ab. Wahrlich ist weder St. Gallens Stadtpräsident noch sein Anzug grau. Sein Anzug ist Anthrazit und die Krawatte ist silbern – und das trifft es ganz gut.

Thomas Scheitlin ist seit zehn Jahren Stadtpräsident von St. Gallen. Es gibt schillerndere Figuren als ihn, keine Frage. Auch ist er selten die charismatischste Person im Raum, oder jene mit dem goldigsten Gemüt. Scheitlin schätzt eine gesunde Distanz, führt eher altmodisch, tappt so aber auch nicht in die Falle, jovial aufzutreten. Seine Auftritte sind souverän, engagiert und stilsicher. Er ist wie der anthrazitfarbene Anzug in der Garderobe: im Zweifelsfall ein sicherer Wert.

Lieber Gespräche als Vorstösse

Politisch ist Scheitlin in der FDP zu Hause. Selbst bezeichnet er sich als echten Liberalen, aber nicht als typischen Politiker. Er sei lieber in der Exekutive, die Führungsaufgabe liege ihm besser, mehr noch: es ist ihm das Liebste an seinem Job. Als Kantonsrat verzichtet er daher weitgehend darauf, Postulate und Vorstösse einzureichen. «Der Aufwand für eine Verwaltung, Vorstösse zu beantworten, ist immens. Wenn ich etwas wissen will, suche ich gerne das direkte Gespräch.»

Ein Gespräch vorab hätte er sich wohl auch von seiner Partei gewünscht, die ihm zusammen mit der CVP eine Schuldenbremse aufzwingen will. Eine Initiative, die er als komplett unnötig erachtet. «Sogenannte Schuldenbremsen sind wichtig. Daher sind sie bereits im kantonalen Gesetz verankert. Die Initiative ist daher obsolet», sagt Scheitlin. Rückendeckung erhält er von seinem Finanzchef, der sich ebenfalls gegen die Initiative ausspricht. Ihm gegenüber steht die eigene Partei.

Nicht zum erstenmal stellt sich der Stadtpräsident gegen die Partei, die ihn auf den Thron gehievt hat. Auch im Kantonsrat entscheidet er manchmal gegen die Parteilinie. «Ich fühle mich in erster Linie der Stadt verpflichtet», erklärt der Stadtpräsident seine parteipolitischen Seitensprünge.

Herzblut investiert Scheitlin in Themen wie Stadtentwicklung und Standortförderung. Er will Unternehmen nach St. Gallen holen. Viele und neue Unternehmen. Ihnen ein interessantes Umfeld zu bieten, sei die Aufgabe der Stadt. Mit der Universität, der Forschungsstätte Empa, dem Innovationszentrum Startfeld und auch mit dem Glasfasernetz seien wichtige Grundlagen vorhanden. Scheitlin liebäugelt vor allem mit Unternehmen aus der Digital- und Medtech-Branche.

Manchmal mangelt es an Gelassenheit

Wie weit er seine Pläne für die Stadt vorantreiben kann, wird sich zeigen. Der 63-Jährige dürfte sich zum letzten Mal der Wahl zum Stadtpräsidenten stellen. Für kurze Zeit sah es so aus, als hätte er einen Herausforderer. Der Grünliberale Veit Rausch verkündete im Sommer überraschend, dass er für die Stadtpräsidenten-Wahl kandidiere. Er wolle Farbe in den grauen Verwaltungsalltag bringen. Auf halber Strecke ging Rausch aber der Schnauf aus. Als persönlichen Angriff habe er Rauschs Kandidatur nie empfunden, sagt Scheitlin. «Wieso auch? In einer Demokratie hat jeder das Recht zu kandidieren. Das muss möglich sein.» In der Konsequenz steht Scheitlin auch den Kandidaturen von Maria Pappa und Marcel Rotach als Herausforderer der bisherigen Stadträte gelassen gegenüber. Eine Gelassenheit, die ihm manchmal fehle, wenn Ideen und Projekte, in die er viel Engagement und Freude gesteckt hat, kritisiert werden. «So etwas nervt mich dann schon ziemlich», räumt er freimütig ein. Ergänzt aber sogleich: «Bis es mich richtig <verjagt>, braucht's aber mehr.» Privates gibt Scheitlin nur in homöopathischen Dosen preis. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und bewegt sich gern. Früher war er leidenschaftlicher Inlineskater und nahm am Gigathlon teil, heute fährt er hauptsächlich Mountainbike. Mit seiner Frau unternimmt er Reisen in aller Herren Länder. Die letzten haben ihn nach Südafrika, Vietnam und China geführt. Fremde Länder und Kulturen machen ihn neugierig, am wohlsten fühlt er sich aber in grossen, westlichen Städten. «Die Architektur…», schwärmt er. Seine Lieblingsstadt? «Sidney! Und St. Gallen.»

Bild: Elisabeth Reisp

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