Der Feuerlöscher geht

Er ging für die Mörschwiler durchs Feuer: Jetzt tritt Marco Wagner als Feuerwehrkommandant zurück. In den vergangenen 14 Jahren hat er für Mensch und Tier sein Leben aufs Spiel gesetzt. Und dabei auch einen Freund verloren.

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Retter in Not: Feuerwehrkommandant Marco Wagner. (Bild: Benjamin Manser)

Retter in Not: Feuerwehrkommandant Marco Wagner. (Bild: Benjamin Manser)

Herr Wagner, was war als Kind Ihr Lieblingsspielzeug?

Marco Wagner: (lacht) Mit dieser Frage habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Es war ein brauner Teddybär.

Kein Feuerwehrauto?

Wagner: Nein, und auch sonst nichts, was mit der Feuerwehr zu tun hätte.

Stichwort Feuerwehr. Wie kamen Sie dazu?

Wagner: 1985. Ich wurde für die Pflichtfeuerwehr in St. Gallen – damals wohnte ich noch in der Stadt – aufgeboten. Und an der Informationsveranstaltung hat es mich so richtig gepackt.

Denn die Arbeit des Feuerwehrmannes macht für mich Sinn: Ich kann Menschen in Not helfen.

Vor 14 Jahren zogen Sie mit Ihrer Familie nach Mörschwil und sind dort der Feuerwehr beigetreten. Was unterscheidet die Feuerwehr Mörschwil von jener in St. Gallen?

Wagner: Vieles. In St. Gallen handelte es sich bei den Einsätzen der Pflichtfeuerwehr fast ausschliesslich um Grosseinsätze wie beispielsweise den Brand im Busdepot im Oktober 1990 oder den Altstadtbrand unterhalb des Hotels Einstein im März 1992.

In Mörschwil rücken wir nicht nur bei Bränden oder Überschwemmungen aus. Sondern auch bei Katzen auf Bäumen. Oder einem Fuchs im Rohr.

Fuchs im Rohr?

Wagner: Ein Spaziergänger rief uns wegen eines Hundes an, der in einen Schacht im Galgentobel gefallen war. Vor Ort sahen wir, dass aus dem Rohr im Schacht eine Schnauze ragte. Wir merkten: Es war gar kein Hund, sondern ein Fuchs. Um ihn da rauszubekommen, holten wir einen Jagdhund und liessen ihn den Schacht hinab.

Der Fuchs bekam einen solchen Schrecken, dass er kehrt machte und wir ihn so am anderen Ende des Rohres packen und dann aussetzen konnten.

Gab es auch Einsätze, die kein gutes Ende nahmen?

Wagner: Auch das gab es. Einmal wurde die Feuerwehr aufgeboten, um eine schwer verletzte Person aus einem Dachstock zu bergen. Es handelte sich um einen Mann, den wir alle gut kannten. Wir haben ihn mit einem Hubretter über ein Dachfenster geborgen. Wenige Stunden später starb er im Kantonsspital.

Gaben Sie sich die Schuld an seinem Tod?

Wagner: Das nicht, nein. Aber es war schwer für mich. Ich war machtlos, hatte eine Leere in mir, die ich nicht verstehen, geschweige denn zuordnen konnte. Ich war «neben den Schuhen» und fragte mich, warum es dazu kommen musste. All diese Emotionen kamen aber erst mehrere Stunden nach dem Einsatz.

Konnten Sie mit jemandem darüber sprechen?

Wagner: Es ist wichtig, dass man mit jemandem darüber spricht. Ich tauschte mich mit meinen Kollegen aus. Später haben wir bei einem ähnlichen Einsatz sogar ein Care-Team aufgeboten.

Welcher Einsatz bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Wagner: Das Unwetter im September 2002. Die Bewohner der damaligen Fischzucht Lochmühle in Untereggen konnten wegen der enormen Wassermassen ihr Haus nicht verlassen. Sofort informierte ich die Feuerwehr St.

Gallen, die für Untereggen verantwortlich ist, und machte mich anschliessend mit einigen Männern selbst auf den Weg. Denn schliesslich ging es ja um Menschenleben.

Was passierte dann?

Wagner: Wir überlegten uns, wie wir durch die Wassermassen zum Haus gelangen konnten. Es war stockdunkel. Ein ohrenbetäubender Lärm. Und dann fiel auch noch ein riesiger Baum neben uns ins Wasser und wurde sofort weggeschwemmt – so etwas habe ich noch nie erlebt. Fünf Minuten später waren die St.

Galler vor Ort und wir konnten die eingeschlossenen Menschen retten.

St. Gallen war also wenige Minuten später vor Ort. Auch die Feuerwehr Goldach wäre sofort zur Stelle gewesen. Braucht es denn überhaupt eine Feuerwehr in Mörschwil?

Wagner: Vor einigen Jahren haben wir uns diese Frage auch gestellt. Eine Möglichkeit war, uns St. Gallen anzuschliessen.

Aus drei Gründen haben wir uns aber dagegen entschieden: Wir sind ortskundig, schneller vor Ort und haben mit 50 Feuerwehrmännern genug Leute.

50 Feuerwehrleute für ein Dorf mit knapp 3500 Einwohnern.

Wagner: Es spielt keine Rolle, ob Mörschwil 1000 oder 6000 Einwohnerinnen und Einwohner hat. Es geht darum, dass im Notfall – etwa 15 bis 20 Mal pro Jahr – genug Leute ausrücken können. Für einen Einsatz brauchen wir sicher 15 bis 20 Männer.

Nach zwölf Jahren in St. Gallen und 14 Jahren in Mörschwil, davon zehn als Kommandant, sagen Sie der Feuerwehr ade.

Wagner: Ich bin 49. Für die Feuerwehr alt, ansonsten noch jung (lacht). Bis ich pensioniert bin, geht es noch ein ganzes Weilchen. Ich verlasse die Feuerwehr mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn nun habe ich wieder mehr Zeit für Familie und Hobbies.

Interview: Martina Kaiser

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