Der falsche Leuchtturm

Heute vor fünfzig Jahren machten sich Franz Schmid und sein Bruder auf, den Bodensee zu queren. Das hätte sie um ein Haar das Leben gekostet. In letzter Sekunde bemerkten sie, dass sie fast in den offenen Alten Rhein gelaufen wären.

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Die Wetterstation riss sich später weg, als das Eis schmolz und vom Wind nach Norden getrieben wurde. (Bild: Walter Weber)

Die Wetterstation riss sich später weg, als das Eis schmolz und vom Wind nach Norden getrieben wurde. (Bild: Walter Weber)

Ab Weihnachten 1962 gab es rund um den Bodensee nur noch ein Gesprächsthema: Gefriert der See nach 83 Jahren wieder zu? Für meinen Bruder Martin, damals 16 Jahre alt, und mich, gerade 19 geworden, war klar, dass wir als erste Lindauer die Überquerung versuchen wollten. Unsere Kenntnis des Bodensees war dürftig: Von Süden floss der Neue Rhein in den See, sein Damm reichte damals nur bis zum Ufer. Weiter westlich sahen wir Walzenhausen und Heiden, das war die Schweiz, da wollten wir hin. Am Sonntag, 12. Februar, gingen wir los. Es war diesig wie alle Tage zuvor, aber die Sonne war als heller Fleck zu erkennen. Wir gehen Richtung Heiden, dann in Ufernähe weiter bis Rorschach – so war unser Plan.

Eine Barriere aus Eis

Es knirschte unter den Füssen, es knackte und krachte, aber wir merkten schnell, dass es für uns keine Gefahr bedeutete. Rasch kamen wir voran, bis sich vor uns eine Barriere aus scharfkantigen Eisblöcken auftürmte. Die Temperaturschwankungen hatten kilometerlange Risse im Eis erzeugt. An den Kanten wurden Blöcke bis zu sechs Meter hochgedrückt. In der Hoffnung, einen Übergang zu finden, gingen wir ein paar Kilometer Richtung Westen. An einer Stelle bot sich endlich eine Möglichkeit. Auf unserer Seite war Wasser, das uns bis zu den Waden reichte. Wir zogen Schuhe, Socken, Hosen und Mantel aus und warfen sie hinüber. So konnten wir durch eine Lücke schlüpfen.

Ein Schmuggler?

Irgendwann sahen wir einen Einzelgänger auf Skiern auf uns zukommen. Er hatte einen prallgefüllten Rucksack auf dem Rücken und schien sich durch uns etwas gestört zu fühlen. Vor 50 Jahren waren Kaffee, Zigaretten und Schokolade noch begehrtes Schmuggelgut. Wir gingen grusslos weiter und gelangten nach geraumer Zeit ans gegenüberliegende Ufer. Dort hatte ein Fischer ein Loch ins Eis geschlagen und angelte. Leider war es nicht das erhoffte Schweizer, sondern das österreichische Ufer. Wir fragten ihn nach dem Weg nach Rorschach. Er wies uns an, das Ufer links liegenzulassen und Richtung Westen zu gehen.

Nach einer Weile fiel uns auf, dass das Knacken verstummt war. Wir hielten das für ein gutes Zeichen und glaubten, das Eis sei zu dick in Ufernähe. Bald tauchte ein seltsames Gebilde auf. Es war ganz von Eis umgeben und ähnelte immer mehr einem Turm. In Unkenntnis der Lage vor Ort dachten wir, dass es nur der Leuchtturm von Rorschach sein konnte. Wir wähnten uns dem Ziel nah und merkten nicht, dass das Eis immer dünner wurde. Der Turm stand auf vier Pfählen und hatte eine Art offene Turmstube. Vor und neben uns taten sich immer mehr Pfützen auf. Offene Stellen, an denen sich das Wasser heftig bewegte. Bald mussten wir immer mehr Löchern ausweichen. Plötzlich dämmerte uns, dass unser «Leuchtturm» mitten im Wasser stand. Wir waren dabei, schnurstracks in den offenen Alten Rhein zu laufen, der nur noch wenige Meter entfernt war. Ein Brechen des Eises hätte den sicheren Tod bedeutet. Langsam sanken wir – erst die Handflächen, dann die Unterarme, dann der Körper – aufs Eis. Wir versuchten, unser Gewicht auf eine möglichst grosse Fläche zu verteilen. Am sichersten schien uns der Weg zurück. Nur waren jetzt die offenen Stellen kaum mehr auszumachen. Es schien uns wie eine Ewigkeit, bis wir keine mehr sahen. Erst dann wagten wir, uns aufzurichten.

Wetterstation statt Leuchtturm

Wir wussten, dass zwischen Nonnenhorn und Rorschach viele Menschen unterwegs waren, also gingen wir Richtung deutsches Ufer und bogen dann ab nach Westen. Irgendwann sahen wir kleine Gruppen von Leuten in beide Richtungen gehen. Wir schlossen uns ihnen an und erreichten das Schweizer Ufer. Später erfuhren wir aus der Zeitung, dass unser Leuchtturm eine Wetterbeobachtungsstation war, die vor dem Rheinspitz stand.

Dass mein Bruder seinen Ausweis verloren hatte, brachte uns zwar Ärger an der Grenze ein, war aber nichts im Vergleich zu dem Schaudern, das uns bis heute befällt, wenn wir an unseren Ausflug denken. Franz J. Schmid, Bodolz