"Der Entscheid fiel unter Zeitdruck"

ST.GALLEN. St.Gallen führt das Geothermie-Projekt trotz des Erdbebens vom 20. Juli fort, legt nach Abschluss der erste Bohrphase aber einen Marschhalt ein. Das Bohrloch wird Ende Oktober provisorisch verschlossen.

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Es geht weiter: Der Bohrer des St.Galler Geothermie-Projektes. (Bild: Keystone)

Es geht weiter: Der Bohrer des St.Galler Geothermie-Projektes. (Bild: Keystone)

St.Gallen war bei seinem im März gestarteten Geothermie-Projekt nahe am Ziel. Die erste Tiefbohrung brachte den gewünschten Erfolg und förderte heisses Wasser zu Tage. Wie viel, wusste zum Zeitpunkt des Erdbebens niemand.

Veränderte Ausgangslage
Das Beben der Stärke 3,5 war ein herber Rückschlag für das St.Galler 160-Millionen-Projekt. Die Erschütterungen hätten die Ausgangslage verändert, sagte Stadtrat Fredy Brunner am Dienstag vor den Medien. Als Entscheidungsgrundlagen standen diverse Gutachten von Experten zur Verfügung. Der Stadtrat habe den Entscheid unter Zeitdruck fällen müssen, sagte Brunner.

Erdbeben-Risiko bleibt
«Menschengemachte» Erdbeben seinen ein zunehmendes Problem, erklärte Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED). Die Verwerfungszone, in der gebohrt wurde, sei, anders als ursprünglich angenommen, seismisch aktiv. Die Nachbeben-Sequenz sei noch nicht vorbei. «Das kann noch Monate oder Jahre dauern», sagte Wiemer. Erdbeben bis zu einer Magnitude von 4,0 richteten in der Regel aber keine Schäden an.

Tests vornehmen
Die Verantwortlichen vermuten, dass bereits vorhandene Spannungen zum Ausbruch des Bebens beitrugen. Mittlerweile konnte das Bohrloch stabilisiert und bis auf 4000 Meter wieder mit Rohren verlegt werden. Bevor die Suche nach heissem Wasser weitergeführt werden kann, müssen die noch ungesicherten 400 Meter des Bohrlochs nachgebohrt und mit Rohren verlegt werden. In den kommenden zwei Monaten sollen Produktionstests Gewissheit bringen.

Bohranlage wird abgebaut
«Zur optimalen Nutzung der Wärme aus der Tiefe müsste 140 Grad heisses Wasser nach oben fliessen, und zwar 50 Liter pro Sekunde», sagte Marco Huwiler, Leiter Geothermie. Das Risiko, weitere Erschütterungen auszulösen, bleibe erhalten. Ein Projektstopp sei jederzeit möglich, sagte Huwiler. Nach Abschluss der ersten Bohrphase wird das Bohrloch provisorisch verschlossen, und die Bohranlage wird abgebaut. Im Sommer 2014 soll sich entscheiden, ob das Projekt weitergeführt wird. Allenfalls braucht es dazu einen weiteren Volksentscheid.

Positive Reaktionen
Die Schweizerische Vereinigung für Geothermie mit Sitz in Frauenfeld hält das weitere Vorgehen des St.Galler Stadtrates für «umsichtig und sorgfältig», wie die Organisation am Dienstag mitteilte. Marianne Zünd, Sprecherin des Bundesamtes für Energie (BFE), sagte am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda: «Wir unterstützen den St.Galler Entscheid, das Projekt in modifizierter Form weiterzuführen.» Es wäre laut Zünd unvernünftig, vorschnell aufzugeben. (sda)

Kommentar: Mit Vernunft zum Risiko

Der Schreck steckt manchem noch in den Knochen: In den Morgenstunden des 20. Juli erschütterte ein Erdbeben die Ostschweiz. Mit einem Monat Abstand zum Ereignis, das von der Geothermie-Bohrung im Sittertobel ausgelöst wurde, hat der St.Galler Stadtrat entschieden: Das Projekt wird fortgeführt – auch, um weitere Informationen zu gewinnen und nach einem Produktionstest eine vertiefte Analyse vornehmen zu können.
Sachlich lässt sich die Fortführung der Arbeiten gut begründen. Wer die hohen Chancen, eine zukunftsträchtige Energiequelle anzapfen zu können, gegen die geringe Wahrscheinlichkeit weiterer Erdbeben abwägt, der darf zum Schluss kommen, dass es vernünftig ist, das Risiko einzugehen. Sollte die Erde aber erneut spürbar rumpeln, spielen Sachlichkeit und Wahrscheinlichkeit nur noch eine Nebenrolle. Der Stadtrat, insbesondere «Mister Geothermie» Fredy Brunner, riskiert viel politisches Renommée in einem Spiel, dessen Regeln nur teilweise bekannt sind. Bewahrheiten sich die Anzeichen, dass in der Tiefe genügend heisses Wasser für die Realisierung des Geothermieprojektes gefunden wird, dann wird sich Brunner der Schulterklopfer kaum erwehren können. Hält die Erde weitere unangenehme Überraschungen bereit, wird Brunner zum Buhmann derer, die es schon immer besser wussten.
Das wird Fredy Brunners kleinste Sorge sein. Den Entscheid, seiner Stadt die kleine, aber nicht auszuschliessende Möglichkeit eines weiteren Erdbebens zuzumuten, hat er nicht leichtfertig getroffen. Ein mulmiges Gefühl, ein ständiges Fragen, ob es richtig war, wird ihn in den nächsten Monaten begleiten. Dass er diese Verantwortung übernimmt, verdient Respekt.

Philipp Landmark
philipp.landmark@tagblatt.ch