Der einsilbige Verdächtige

Was bisher geschah: Am Steg im Hörnlibuck wird eine tote Frau gefunden. Sie wurde vergiftet. Eine junge Frau identifiziert das Opfer als ihre Mitbewohnerin Sabrina Schmitt. Bei der Durchsuchung von Schmitts Zimmer überraschen die Polizisten einen jungen Mann.

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Krimi_am_See

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Was bisher geschah: Am Steg im Hörnlibuck wird eine tote Frau gefunden. Sie wurde vergiftet. Eine junge Frau identifiziert das Opfer als ihre Mitbewohnerin Sabrina Schmitt. Bei der Durchsuchung von Schmitts Zimmer überraschen die Polizisten einen jungen Mann.

Der Unbekannte strich sich eine Strähne hellbraunes Haar aus dem Gesicht und steckte, nachdem er gezwungen locker aufgestanden war, die Hände in die Hosentaschen seiner verwaschenen Jeans. Er blieb stumm, klappte das Laptop zu. «Und wie heissen Sie?», fragte Karl Sommer, seine Stimme brummig und leicht heiser. «Thomas», sagt der junge Mann. «Das ist Thomas Sonderegger», murmelte Anja Bischof, die nun auch erbleicht war. «Und wer ist Thomas Sonderegger?», wollte Elena Simonelli wissen. Das gefiel ihr nicht. Sie wusste, dass das Laptop Informationen und unter Umständen Spuren zur Täterschaft enthalten könnte. Spuren, die jetzt beseitigt sein könnten. «Thomas ist mein Cousin. Er wohnt seit sechs Monaten hier. Er hat eine Computerfirma, macht Websites und Sicherheitssysteme», fuhr die junge Frau fort. «Ich denke», sagte Sommer, «wir sollten reden.»

*

Sondereggers Finger trommelten auf der Glasplatte des Esstisches. Er bemerkte Simonellis Blicke und hörte abrupt mit dem Trommeln auf. Er sass stocksteif da und blinzelte viel zu oft. «Was haben Sie an Sabrina Schmitts Laptop gemacht?», wollte die Polizistin wissen. «Updates.» Sonderegger machte keine Anstalten, ein weiteres Wort zu sagen. Als Simonelli nachhakte, meinte er: «Sie hat mich drum gebeten.» Der komplette Satz schien ihm viel Kraft abzuverlangen. «Wann haben Sie Sabrina Schmitt zuletzt gesehen?» – «Naja, das ist schwer zu sagen. Sie kommt und sie geht. Dann und wann sehe ich sie mal wieder. Wir reden nicht viel miteinander. Ich bin oft weg. Aber in der Küche habe ich sie schon getroffen.» Zu vage Antworten, alles klingt verkrampft, dachte sich Simonelli. Sie kniff ihre Augenlider zusammen. «Sabrina Schmitt ist tot», sagte Sommer plötzlich. Er liess den jungen Mann nicht aus den Augen. Diesem schien es die Sprache verschlagen zu haben. Nach einer Weile bewegte er sich langsam und mit zitternder Hand. Er zog eine kleine Plastikampulle aus seiner Hosentasche und träufelte sich daraus Tropfen ins linke Auge. «Entzündung», sagte er als er die Gesichter der Polizisten bemerkte. Diese blickten sich vielsagend an, sagten aber nichts weiter. «Wir gehen uns umschauen», sagte Sommer und stand auf.

*

Sabrina Schmitt lebte auf gut 20 Quadratmetern. «Ein grosses Zimmer. Ich hätte mir das im Studium nie leisten können», sagte Elena Simonelli. Karl Sommer reagierte nicht. Er war dabei, den Kleiderschrank zu durchsuchen. Er fasste Kleider an, fühlte den Stoff und drehte Schuhe um. «Teure Ware», sagte er. Wesentlich teurer als das Sommerkleid, in dem Schmitt gefunden worden war. Er ging zum Bücherregal. «Genealogie», brummte er. Simonelli drehte sich um. Sie hatte sich an den Bürotisch gesetzt und klickte sich durch den Computer der Toten. Das Laptop war neu, nur wenige Monate alt. Sie blickte Sommer fragend an. «Ihre Bücher. Alles Studienlektüre. Geschichte, Wirtschaft und Jus. Und dann Bücher über Ahnenforschung.» Simonelli öffnete die Liste der besuchten Websites auf dem Computer. «Wohl ein Hobby von ihr», sagte sie, «ihre Browser-History zeigt, dass sie in Genealogie-Foren unterwegs war.» Einige Klicks später rief sie Sommer zu sich herüber. «Jemand wollte sich mit ihr treffen.» Er blickte ihr über die Schulter und las das E-Mail von einem Foren-User mit dem Pseudonym BB1872. «Weiss mehr. Treffen am Mittwoch um 10 Uhr in der Cockpit-Bar beim Airport», stand da. «Mittwoch. Schmitts Todestag», sagte Sommer. Bevor Simonelli etwas sagen konnte, klingelte Sommers Handy. Sekunden später legte er auf. «Simonelli, wir müssen los. Widmer und Ingrid Müggler wollen uns sehen.»

*

Kaum waren die Polizisten ins Büro der Stadtpräsidentin getreten, blaffte Daniel Widmer sie an: «Sommer, die Pressekonferenz steht an. Was wissen Sie?» Hinter Sommers Chef stand eine Frau mit feuerrotem Haar. «Ingrid Müggler», sagte diese zu Simonelli gewandt, «Stadtpräsidentin. Und Sie sind?» – «Elena Simonelli, Polizei Rorschach», erwiderte diese. «Ah, Frau Simonelli, von Ihnen habe ich schon gehört. Wissen Sie, ich weiss gerne, wer in meiner Stadt ist. Aber zur Sache: Was ist mit der Frau passiert?» Sommer reagierte als erster: «Wissen wir nicht. Es handelt sich aber um ein Tötungsdelikt» – «Was soll ich der Presse sagen? Die wollen mehr», zischte Widmer. Er mochte Sommer nicht. Er war zu altmodisch und passte nicht in seine Vorstellung von einem modernen dynamischen Team. «Mehr gibt's nicht», sagte Sommer genervt, «wenn Du mehr willst, Widmer, dann erfinde doch was.» Bevor der Streit eskalierte, unterbrach Ingrid Müggler. «Wissen Sie, Frau Simonelli, ich habe viele Investoren nach Rorschach gebracht. Es herrscht Aufschwung. Und im September sind Wahlen. Es wäre allen gedient, wenn der Fall bis dahin aufgeklärt wäre», sagte sie. Wieder klingelte Sommers Handy. «Simonelli, wir müssen los. Wir haben Post.»

*

Wenig später sassen Simonelli und Sommer vor einem Fernseher in ihrem Büro. «Im Begleitschreiben steht: <Es ist leider unmöglich, anhand eines am Kleidungsstück befestigten Etiketts herauszufinden, wann es gekauft wurde>», sagte Simonelli. Es sei aber möglich, den Artikel zu bestimmen. Simonelli las weiter: «<Daher senden wir Ihnen die Aufnahmen der vergangenen 14 Tage zu>». Sommer brummte. Er stellte sich auf eine Nachtschicht ein. Sie legte eine DVD ein, der Bildschirm zeigte das Innere der St. Galler H & M-Filiale, einen Tag bevor Sabrina Schmitt gefunden wurde. Sommer starrte auf den Bildschirm. Die Stunden vergingen. Sommer holte sich zwischendurch einen Kaffee. Simonelli ass einen Salat. Abwechslungsweise checkten die beiden ihre Mails. Plötzlich zog er seine Augenbrauen hoch. Auf dem Bildschirm erschien eine Bekannte: Anja Bischof mit einem rotweissen Sommerkleid in der Hand.

Dominik Bärlocher

Wollen Sie mitbestimmen, wie es weitergeht? Das nächste Krimi-Treffen findet statt am Montag, 20. August, 10.30 Uhr, beim Stadthof in Rorschach.