Der einfache ist der teure Weg

Fachmärkte für Entsorgung vereinfachen den Umgang mit Abfällen. Einige bieten zudem Stellen für Menschen, die aus dem Arbeitsmarkt fallen. In der Region Rorschach scheitert diese Kombination an den Kosten, andernorts bewährt sie sich.

Fritz Bichsel
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Von der Stadt St. Gallen mitfinanziert: Privater Entsorgungsfachmarkt für die Bevölkerung in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)

Von der Stadt St. Gallen mitfinanziert: Privater Entsorgungsfachmarkt für die Bevölkerung in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)

GOLDACH. Ein Kreislauf wie in der Natur statt eines Haufens Abfälle. Auf dem Weg zu diesem Ideal macht der Mensch Fortschritte: Laufend mehr von dem, was an Abfall anfällt, wird in der Ostschweiz wenigstens als Energiequelle genutzt. Bis die Stoffe in den Anlagen für Wiederverwertung oder Verbrennung sind, gilt es aber reihenweise Vorschriften, Organisatorisches, Preise und weiteres zu beachten. Der Föderalismus macht allerdings auch vor Strassenrändern und Sammelstellen nicht halt: Mindestens jede Region hat eigene Regeln, für etliche Abfallarten gibt es Unterschiede von Gemeinde zu Gemeinde.

Entsorgen an einem Ort

Da wächst der Wunsch, alles in Haushalten nicht mehr Verwendbare ins Auto oder auf den Veloanhänger zu packen und an einem Ort abgeben zu können. Mit Einschränkungen ist das möglich bei privaten Entsorgern, die Grossmengen aus Betrieben und von Baustellen verarbeiten, sowie bei Kehrichtverbrennungsanlagen. Im Thurgau organisierte der Kehrichtverband vier private und eigene Anlagen als regionale Annahmezentren für jedermann.

In St. Gallen sind zwei Privatbetriebe auch Entsorgungsfachmärkte für die Bevölkerung – dafür zahlt ihnen die Stadt jährlich knapp einen Franken pro Einwohner. Gemeinsam ist diesen Annahmestellen, dass die Kunden eine Mindestgebühr je Lieferung – meistens 16 Franken – bezahlen, selber abladen und wiederverwertbare Abfälle selber sortieren müssen.

Arbeit für Stellenlose

Daneben gibt es Betriebe für Kleinmengen wie der WinWin-Markt in Herisau oder Easydrive in Degersheim und Gossau – die auch Brockenhäuser sind – und in der Agglomeration Rorschach die Entsorgungsfachstelle Bodensee, die nun geschlossen wird. Diese Betriebe bieten Stellen im zweiten Arbeitsmarkt: für junge Leute, die einen Einstieg ins Berufsleben suchen, Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte.

Betreiber sind in Herisau im Auftrag der Gemeinde sowie in Degersheim und Gossau im Auftrag des Abfallverbandes ZAB (Toggenburg-Hinterthurgau-Fürstenland) die Stiftung Tosam und am Bodensee im Auftrag von vier Gemeinden die Stiftung Business House. Sie nehmen fast jede Art Abfall an. Die Kunden müssen nicht abladen, nicht sortieren und keine Mindestgebühr bezahlen. Die Löhne für die sozialen Arbeitsplätze bezahlen die Gemeinden – wie bei Beschäftigungsprogrammen –, weil weniger Sozialhilfe nötig ist.

Der Entsorgungsstelle Bodensee bezahlten die Gemeinden zusätzlich rund zwei Franken pro Einwohner und Jahr. Das war als Anschubfinanzierung gedacht; in fünf Jahren sollte auch dieser Betrieb selbsttragend sein – anders als erwartet entstand im ersten Jahr ein hohes Defizit. Statt 45 000 hätte die Stiftung von den Gemeinden jährlich 190 000 Franken oder sieben Franken pro Einwohner benötigt. So viel bezahlen – und damit private Angebote untergraben – wollen die Gemeindebehörden nicht.

Annahmestelle überrannt

Dass am Bodensee trotz Beiträgen nicht möglich war, was andernorts sogar ohne Subvention funktioniert, liegt hauptsächlich an Unterschieden im Angebot. WinWin und Easydrive sind auf Abfall aus Haushalten beschränkte, ruhige Betriebe; besonders der vor eineinhalb Jahren eröffnete Easydrive in Gossau hätte gerne noch mehr Kunden.

Die vor zwei Jahren eröffnete Fachstelle Bodensee hingegen wurde beinahe überrannt, weil sie mit der Gratisannahme kleiner Mengen bei vielen Stoffen vergleichsweise günstig war und auch Abfall von Kleinbetrieben annahm. Wechselnde Mitarbeiter aus dem sozialen Bereich sind mit einem derartigen Ansturm überfordert. Die Stiftung hätte zusätzliche Betreuer anstellen müssen – mit Kosten im sechsstelligen Bereich.

SP-Petition nützt nichts

Trotz einer von der SP lancierten und von gut 800 Einwohnern unterzeichneten Petition für die Fortführung der Entsorgungsstelle mit höheren Beiträgen organisieren die Gemeindebehörden nun eine neue, von einem Privatbetrieb geführte Annahmestelle. Sie wollen nur das Areal zur Verfügung stellen und keine Beiträge mehr zahlen. Dafür versprechen sie, die wegfallenden alternativen Arbeitsplätze zu ersetzen in anderen Tätigkeitsfeldern.