Der Dorfkönig und seine Arena

Ein Tag nach dem Schuldspruch im Grüngut-Fall: Wittenbachs ehemaliger Gemeindepräsident Albert Etter spricht über die Reaktionen im Dorf, die Gerichtsverhandlung. Und warum er sich während dieser wohl gefühlt hat.

Martina Kaiser
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Albert Etter im Wittenbacher «Wannenstädeli», wo vorher die Grüngut-Ablagerung war. (Bild: Ralph Ribi)

Albert Etter im Wittenbacher «Wannenstädeli», wo vorher die Grüngut-Ablagerung war. (Bild: Ralph Ribi)

WITTENBACH. Albert Etter weiss sich zu inszenieren. So lässt er sich zwar am Waldrand, wo die Grüngut-Ablagerung war, fotografieren. Zum Treffen lädt er aber zu sich nach Hause, zu seiner Frau Romy, die gerade eine Hüftoperation hinter sich hat. Der liebevolle Ehemann. Den man ihm durchaus abkauft: Er bringt ihr Tee, nimmt sie in den Arm, witzelt und lacht. Doch Grund zum Lachen gibt es für Etter eigentlich nicht. Am Dienstag hat ihn das Kantonsgericht wegen Übertretung des Umweltschutzgesetzes schuldig gesprochen. Während Jahren sollen Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung im Waldstück «Wannenstädeli» auf seine Anweisung hin Grüngut abgelagert haben (Tagblatt vom 12. Februar). Der ehemalige Gemeindepräsident von Wittenbach muss nun eine Busse von 800 Franken bezahlen.

Strafe zweimal reduziert

Etter grinst verschmitzt, öffnet den prall gefüllten Ordner vor sich und zückt ein Dokument nach dem andern: «Eigentlich hätte ich laut Strafbefehl eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 360 Franken und eine Busse von 2000 Franken bezahlen müssen. Doch das Kreisgericht reduzierte die Strafe, das Kantonsgericht ebenfalls, und so sind es jetzt nur noch 800 Franken.» Ob er den Betrag denn auch wirklich bezahlt, ist offen. Etter denkt darüber nach, den Fall ans Bundesgericht weiterzuziehen. Dies, obwohl es, wie er sagt, «nur eine Übertretung und kein Vergehen war», er also keinen Eintrag im Strafregister erhält. Doch ihm gehe es weder ums Geld noch um seinen Stolz: «Ich will zwei Fragen geklärt haben. Erstens: Gilt Grüngut wirklich als Abfall? Und zweitens: Warum stehe ich als Privatperson am Pranger und nicht der Gesamtgemeinderat, der von der Sache Kenntnis hatte?», fragt Etter. Er habe ja schliesslich damals als Gemeindepräsident auch nie einen Preis mit nach Hause nehmen dürfen, wenn die Gemeinde einen solchen erhalten habe.

Etter erzählt weiter. Von dem Fall, von der Staatsanwaltschaft, die ihn zuerst als Auskunftsperson, später dann als Beschuldigten vorgeladen habe. Und von ihm, dem «Kämpfer», der am Montag im Gericht sass und sich den Fragen der Kantonsrichter stellte. Und konterte. Und wie er die Verhandlung «souverän meisterte» und «darum auch damit rechnete, freigesprochen zu werden». Etter macht eine kurze Pause. «Ich habe mich wohl gefühlt da drin. Wie damals in meiner Arena da draussen.» Etter zeigt aus dem Fenster. Seine Arena, das ist Wittenbach. Und er der Dorfkönig, der «liebevolle Diktator», wie er von einigen auch heute noch genannt wird. Das gefällt ihm, «damit kann ich mich identifizieren».

«Mach weiter so»

Das Leben in Wittenbach sei immer noch das gleiche wie damals, vor dem Fall. «Es gibt niemanden, der mich deswegen schräg anschaut oder sich kritisch äussert», betont Etter. Nein, die meisten sagten: «Mach weiter so» oder «du machst das gut.» Obwohl: Viele würden ihn ohnehin nicht ansprechen. «Nach der Pensionierung ist man halt einfach weg vom Fenster.»

In seinem Fall nur kurz, denn Etter ist eineinhalb Jahre nach seiner Amtsübergabe das Gesprächsthema Nummer eins im Dorf. Und nicht nur dort: Nebst den lokalen und regionalen berichten auch die nationalen Medien über den ehemaligen Gemeindepräsidenten. Am Dienstag, so erzählt Etter, sei das Telefon «heiss gelaufen». Das «Tagblatt», der «Blick», das Radio und Fernsehen – sie alle hätten angerufen. Etter ist sich bewusst, dass er auch weiterhin in den Medien sein wird, wenn er Berufung einlegt. Das wäre ihm egal. Erstmal will er aber das schriftliche Urteil abwarten. Darum könne er jetzt nur so viel sagen: «Ich bin Schütze als Sternzeichen. Und Schützen haben immer ein Ziel vor Augen.» Wenn er seinen Bogen also spanne und das Ziel mit dem Pfeil nicht treffe, dann ärgere ihn das. «Dann könnte es gut sein, dass ich nochmals schiesse.»