Der Chügeli-Mann hört auf

In die Schweiz ist er zu Fuss gekommen. Aus fast 1000 Kilometern Entfernung, mit nichts als einem Rucksack. Und er ist geblieben: Seit 41 Jahren ist Richard Lux in St. Gallen Goldschmied. Per Ende Jahr verkauft er sein Geschäft.

Malolo Kessler
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Mit Fingerspitzengefühl und Feuer: Richard Lux brennt nach mehr als 40 Jahren als Goldschmied noch immer für sein Handwerk. (Bild: Hanspeter Schiess)

Mit Fingerspitzengefühl und Feuer: Richard Lux brennt nach mehr als 40 Jahren als Goldschmied noch immer für sein Handwerk. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie hat acht Ecken, ist aus Gold und verziert mit 240 Perlen und 120 Edelsteinen. Sie krönte die Häupter der meisten römisch-deutschen Könige. Und sie hat Richard Lux zu dem gemacht, der er ist: Die Reichskrone, die heute in Wien aufbewahrt wird.

«Schon als Achtjähriger war ich fasziniert von dieser Krone», sagt der 68-Jährige. «Und schon damals habe ich mir gedacht: So eine möchte ich auch einmal machen.» Getan hat er es nie. Dafür hat Lux Tausende von anderen Schmuckstücken erschaffen, während der vergangenen 41 Jahre in St. Gallen.

«Bin ja manchmal so explosiv»

Geboren und aufgewachsen in Bonn, stammt Lux aus einer Schmiede-Dynastie. Allerdings nicht Gold-, sondern Hufschmiede. Als Jugendlicher habe er auch mit dem Priesteramt geliebäugelt. «Aber die Mädchen haben mich zu sehr interessiert», sagt er. Lux sitzt im oberen Stock seines Geschäftes an der Vadianstrasse. Mit bordeauxroter Krawatte – «obwohl ich ein absoluter Anti-Krawatten-Typ bin» –, einem schlichten goldenen Ehering. Ein Mann mit riesigen Händen und trotzdem viel Fingerspitzengefühl.

Wenn Lux dann erst einmal erzählt, erzählt er so richtig. Immer wieder eine neue Anekdote, immer wieder eine neue Pointe. Und er sagt Sätze wie «Ich bin ja manchmal so explosiv» oder «Ich bin ja nicht grössenwahnsinnig».

Nur noch Silber, Gold und Platin

Bescheiden hat er denn auch angefangen. Nach seiner Ausbildung zum Gold- und Silberschmied in Deutschland entschied sich der Hüne im Jahr 1967, mit 22 Jahren, zu Fuss in die Schweiz zu wandern. Mit einem Rucksack voll mit Werkzeugen und Schmuckstücken, fast 1000 Kilometer weit. Seine Odyssee endete zunächst in Aarau. Zwei Jahre arbeitete er dort, dann ging er für die Meisterprüfung zurück nach Deutschland. Lange wollte er nicht bleiben: Während seiner Arbeit in Aarau hatte er sich in eine Schweizerin, seine heutige Ehefrau, verliebt. Lux fand eine Stelle bei der Goldschmied Bruggmann AG im Neumarkt, übernahm 1983 das Geschäft und zügelte schliesslich 1991 an die Vadianstrasse. Er begann, Schmuck nur noch aus Silber, Gold und Platin zu fertigen. «Ich wollte nur mit den edelsten Materialien arbeiten.»

Der Goldschmied erweckte auch alte Handwerkstechniken wieder zum Leben. Etwa das Granulieren. Dabei werden winzige Goldkügelchen geschaffen und auf ein Schmuckstück gesetzt, ausschliesslich mit Feuer. Als er in seinem Geschäft eine Ausstellung über die Granulation machte, wurde Lux, der sich damals in der Region bereits einen Namen mit Platinschmuck gemacht hatte, schweizweit bekannt. «Das Fernsehen berichtete, verschiedene grosse Zeitungen auch», sagt Lux. «Irgendwann nannten sie mich nur noch Chügeli-Mann.»

Eine Kundin wie ein Christbaum

Lux bildete zwölf Lehrlinge aus und erfüllte in all den Jahren auch ungewöhnliche Kundenwünsche. Einen brillantbesetzten Schlüsselanhänger für einen Bentley-Fahrer. Ein saphirbesetztes Parfumfläschchen. Auch prominente Kunden hatte er. Und für einmal schweigt der Deutsche: Namen will er keine verraten. Zu allen Kunden sei er immer direkt gewesen, sagt der Goldschmied. «Manchmal vielleicht etwas dominant.» Da sei es auch einmal vorgekommen, dass er zu einer reich mit Ketten behängten Kundin gesagt habe, sie sehe aus wie ein Christbaum.

Das Geschäft per Ende Jahr zu verkaufen, falle ihm nicht leicht. «Aber ich habe das seltene Glück, dass ich den Laden so weitergeben kann, wie er ist.» Für sein Handwerk brennt Lux nach wie vor. Zu Hause – er ist kürzlich von der Lustmühle ins Riethüsli gezogen – hat er keine Werkstatt. «Aber ich kann ja immer noch hierher ins Atelier kommen und hier etwas machen.» Vielleicht ja endlich eine Krone.