Der Bund schützt, die Stadt nicht

Trotz Baubewilligung der Stadt Rorschach darf Peter Prader auf seinem Grundstück im Neuquartier nicht bauen. Der Bund ist der Ansicht, dass die einstige Feldmühle-Arbeitersiedlung unter Ortsbildschutz stehen sollte.

Valentin Schneeberger
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Bauvisiere hinter dem Haus von Peter Prader zeigen an, wo der Anbau entstehen soll. (Bild: Valentin Schneeberger)

Bauvisiere hinter dem Haus von Peter Prader zeigen an, wo der Anbau entstehen soll. (Bild: Valentin Schneeberger)

RORSCHACH. Peter Prader versteht die Welt nicht mehr. Der 59jährige Bewohner des Neuquartiers in Rorschach will eigentlich nur sein Haus an der Washingtonstrasse um einen Anbau erweitern. Mit seinem Vorhaben hat er eine Geschichte ins Rollen gebracht, die vielleicht sogar Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Quartiers haben könnte.

Störung des Quartierbildes

Im Sommer 2012 reicht Peter Prader ein Baugesuch für einen zweistöckigen Anbau auf der Südseite seines Hauses ein – als Wohnung für seinen Sohn Diego. Dagegen gibt es eine Einsprache eines Nachbarn, die von der Stadt jedoch abgewiesen wird. Die Stadt bestätigt, dass das Bauvorhaben alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt, und bewilligt den Anbau. Kurz bevor die Bagger auffahren, bekommt Prader Post von der Rechtsabteilung des kantonalen Baudepartements. Ihm wird mitgeteilt, dass derselbe Nachbar Rekurs gegen die Baubewilligung der Stadt eingereicht habe.

Der Nachbar begründet seinen Rekurs damit, dass der geplante Anbau «eine erhebliche Störung des Quartierbildes» bewirke. In seinem Schreiben weist er auf die historische Bedeutung der ehemaligen Arbeitersiedlung der Firma Feldmühle hin. Diese stehe als «schützenswertes Ensemble» im Schutz des Baugesetzes.

Nicht in der Schutzverordnung

Peter Prader hat kein Verständnis für die Argumentation seines Nachbarn. «Seit das Quartier in den Neunzigerjahren modernisiert wurde, hat man hier Häuser abgebrochen und Neubauten erstellt. Wie kann das Quartier denn da unter Schutz stehen?» Nicht einmal das Haus des Nachbarn befinde sich noch im ursprünglichen Zustand, sagt Prader. Dieses verfüge nun über einen Balkon und einen gläsernen Windfang.

Rückendeckung erhält Prader vom Stadtrat Rorschach. In einer Vernehmlassung weist dieser das kantonale Baudepartement darauf hin, dass man das Neuquartier bisher nie als schützenswert angesehen habe und es deshalb nicht in der 1995 erstellten Schutzverordnung der Stadt aufgeführt sei.

Bund fordert Überprüfung

Im Dezember erhalten alle Parteien eine Stellungnahme der kantonalen Denkmalpflege. Diese schreibt, dass das ganze Gebiet der einstigen Feldmühle-Arbeitersiedlung im Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS) erfasst sei und eine Änderung der städtischen Schutzverordnung geprüft werden müsse. Zum geplanten Anbau von Peter Prader äussert die Denkmalpflege Bedenken, dass dieser «den Innenhof zu stark verstellen würde».

Pläne für eine Überbauung

Wie kann es sein, dass ein Quartier zwar vom Bund, jedoch nicht von der Stadt als schützenswert erachtet wird? Pierre Hatz von der kantonalen Denkmalpflege erklärt: «Rorschach konnte bei der Erstellung der Schutzverordnung selbst entscheiden, welche Objekte die Stadt darin aufnehmen will. Das Neuquartier wurde damals jedoch nicht berücksichtigt. Vielleicht auch deshalb, weil für die Arbeitersiedlung Entwicklungspläne existierten.» Dies bestätigt Stadtschreiber Bruno Seelos. «Die damaligen Eigentümer der Siedlung prüften eine Gesamtüberbauung für das Quartier. Hätte man das Quartier damals in die Schutzverordnung aufgenommen, wäre eine Überbauung nicht mehr möglich gewesen.»

Von nationaler Bedeutung

Mit der Einführung des ISOS vor drei Jahren ist Rorschach zwischenzeitlich vom Bund zu einem Ortsbild von nationaler Bedeutung erklärt worden. Die Arbeitersiedlung Feldmühle erfährt in dieser Beurteilung eine hohe Einstufung. «Der Bund ist der Ansicht, dass für dieses Quartier der Ortsbildschutz erlassen werden muss. Gemäss dem kantonalen Richtplan müssen die Gemeinden die im ISOS vermerkten Vorgaben bei ihrer Ortsplanung berücksichtigen», sagt Hatz.

Konsequenzen unklar

Vor kurzem trafen sich Vertreter von Stadt und Kanton mit Peter Prader und seinem Nachbarn auf einen Augenschein im Neuquartier. Von dieser Begehung hat das kantonale Baudepartement ein Protokoll erstellt, zu welchem die betroffenen Parteien Stellung nehmen können.

Mit welchen Konsequenzen die Bewohner der einstigen Arbeitersiedlung zu rechnen haben, ist derzeit noch unklar. Sowohl die Stadt als auch der Kanton verweisen auf das laufende Verfahren.

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