Der Botschafter der Berufslehre

Hans Ulrich Stöckling gibt nach 20 Jahren das Präsidium der Stiftung SwissSkills ab. Der St. Galler Altregierungsrat hat viel Herzblut in die Verbreitung des dualen Bildungssystems gesteckt.

Christoph Zweili
Drucken
Teilen
20 Jahre St. Galler Regierungsrat und 20 Jahre SwissSkills-Präsident: Hans Ulrich Stöckling (74) hat Spuren hinterlassen. (Bild: Benjamin Manser)

20 Jahre St. Galler Regierungsrat und 20 Jahre SwissSkills-Präsident: Hans Ulrich Stöckling (74) hat Spuren hinterlassen. (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Dreizehnmal war er an Berufsweltmeisterschaften dabei, die zwei in St. Gallen (1997 und 2003) sind unvergessen. Hans Ulrich Stöckling hat sie mitgeprägt. Acht Gold-, neun Silber- und drei Bronzemedaillen: Mit 20mal Edelmetall stand die Berufslehre vor zwölf Jahren im Schaufenster der Welt. Die Schweiz belegte in der Nationenwertung den ersten Rang bei 600 Teilnehmern, einen Punkt vor Südkorea. 2015 in São Paolo reichte es bei knapp 1200 Teilnehmern mit nur einer Goldmedaille gerade noch für den vierten Platz in der Nationenwertung. Dabei stellte die Schweiz, die in 40 Berufen antrat, eine der grössten Delegationen.

Stöckling sorgt sich nicht deswegen: «Mit einer Goldmedaille mehr wären wir Dritte gewesen», sagt der ehemalige Erziehungschef des Kantons St. Gallen. «Weil die Spitze breiter geworden ist, müssen jetzt die Aufgaben schwieriger werden.» Dagegen wehrten sich allerdings die Länder, die in den letzten Jahren neu dazugestossen sind. Entscheidender als die Rangierung ist für den Joner der Wettkampfgedanke. Und der sei heute breiter verankert als bei seinem Amtsantritt 1995. «Die Wettkämpfe sind ein Ansporn für junge Menschen, sich weiterzuentwickeln und zu bestätigen.»

Eingeladen nach Abu Dhabi

20 Jahre lang stand Stöckling SwissSkills vor, einer von Bund, Kantonen und Berufsverbänden getragenen Stiftung, die Berufsmeisterschaften in der Schweiz koordiniert und fördert. Sie ermöglicht es jungen Berufsleuten, an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. «Von den Meisterschaften profitieren alle, vor allem auch die Arbeitgeber. Gleichzeitig sind die Erfolge an internationalen Wettkämpfen auch die Bestätigung, Arbeitskräfte auf höchstem Niveau auszubilden und mit dem dualen Bildungssystem auf dem richtigen Weg zu sein.»

Viele hätten inzwischen versucht, das Erfolgsmodell zu kopieren. Auch Abu Dhabi, das 2017 die nächste Berufs-WM ausrichtet, zeigt sich interessiert. Doch das gehe nicht so ohne weiteres. In der Schweiz habe das duale System Tradition, in anderen Ländern nicht. «Das grösste Problem besteht meist darin, die Privatwirtschaft einzubinden.» Stöckling ist persönlich von Khalifa bin Zayed al-Nahyan, Chef der Vereinigten Arabischen Emirate, eingeladen. «Diese Einladung nehme ich gerne an.»

«Heimlicher Volksschulminister»

Als der Freisinnige 1988 das Amt des St. Galler Erziehungsdirektors übernahm, war er in Schulfragen ein ebenso unbeschriebenes Blatt wie sein SVP-Nachfolger Stefan Kölliker auch. «Stöck», wie ihn bald alle abgekürzt nannten, wurde rasch warm mit Bildungsthemen, obwohl es ihn anfänglich ins Baudepartement zog, wo auch sein Vater gearbeitet hatte. Der heute 74-Jährige galt als «heimlicher Volksschulminister» der Schweiz, rasch berufen in nationale Gremien. Acht Jahre lang präsidierte er die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). «In dieser Funktion vertrat ich die Schweiz anstelle eines Bundesrats in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und im Europarat», deutscht Stöckling den Ministertitel aus.

Obwohl selber ein schulpolitischer Vordenker stand der St. Galler national stets im Schatten seines Zürcher Kollegen Ernst Buschor, der mit viel medialem Pulverdampf das Bildungswesen umpflügte wie kaum ein Politiker vor ihm. Mit seiner grössten Reform aber scheiterte er 2002: Der Kanton Zürich lehnte das neue Volksschulgesetz ab.

Auch Stöckling hing das Etikett des «Reform-Turbos» an. Damit kann «Luno» leben, wie er im Restaurant National in St. Gallen erzählt, wo er auf ehemalige Kollegen trifft. Hier haben sie als Studenten einst ihre Spitznamen in die Tische geritzt, «meiner steht wohl für mein äusserliches Markenzeichen, den mondförmigen Kopf». Den Vulgo der Zofingia teilte er sich mit seinem Vorgänger im Bildungsdepartement, dem im Mai verstorbenen alt Regierungsrat und alt Ständerat Ernst Rüesch, Mitglied der KTV, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verbunden hat.

SVP nutzte das Vakuum

«Anders als Buschor haben wir im Kanton St. Gallen alle Reformen umgesetzt. Sie sind heute selbstverständlich in der Schule», sagt Stöckling. Den Hut des «HarmoS-Vaters» mag er sich nicht selber aufsetzen, aber er habe wesentlich an der heute in der Bundesverfassung verankerten Harmonisierung des Schulsystems mitgewirkt. «Das hat mit der Bildungsfinanzierung über Konkordate begonnen. Sie sind der Grundstein für die Freizügigkeit im Hochschulbereich. Ohne sie gäbe es heute keine föderalistische Bildungspolitik im Sekundär- und Tertiärbereich.» In den 90er-Jahren seien die Lasten sehr ungleich verteilt gewesen – «Kantone wie Zug oder Schwyz haben sich kaum an der Hochschulfinanzierung beteiligt, und das zu einer Zeit, wo sich auch der Bund zurückgezogen hatte.»

«Mir war die institutionalisierte Zusammenarbeit der Kantone wichtig. Ohne HarmoS-Diskussion wäre längst der Bund in diese Bresche gesprungen», sagt Stöckling. Heute gingen drei von vier Kindern in Kantonen zur Schule, die HarmoS einhalten. Dass die SVP das Vakuum nach dem EDK-Rücktritt des kernigen St. Gallers nutzte, um mit ihren Referenden gegen das Schulkonkordat medial das Zepter in der Bildungspolitik zu übernehmen, findet Stöckling genauso falsch wie den Kampf gegen den Lehrplan 21. «Sparen bei Bildung und Forschung bedeutet automatisch immer eine Leistungsverschlechterung.» Fünftagewoche, Blockzeiten in der Schule, Frühenglisch – «das Frühfranzösisch war bereits aufgegleist» – alle Reformen also umgesetzt? Nicht ganz! 2014, sieben Jahre nach Stöcklings Rücktritt, versenkte das Kantonsparlament die lohnwirksame Qualifikation der St. Galler Lehrer sang- und klanglos. Als Schlappe will Stöckling das nicht verstanden wissen, der das Instrument 1999 eingeführt hatte, «contre cœur», wie er heute sagt. «Ich war vor allem von der SVP dazu gedrängt worden, ohne dass die nötigen Mittel dafür gesprochen worden sind.» Die Volkspartei habe die Lehrer disziplinieren und gleichzeitig Geld sparen wollen. «Ich wollte aber keine Jagd auf Lehrer. Die meisten machen einen guten Job. Heute sind sie besser ausgebildet als früher und stehen unter viel stärkerem Druck.»

Noch in zwei Stiftungen

Mit SwissSkills hat Stöckling eines seiner letzten Ämter abgegeben. Er sitzt noch im Stiftungsrat der Hans Huber Stiftung, die die berufliche Aus- und Weiterbildung fördert, und ist Beirat des Klosters Wurmsbach am oberen Zürichsee. Seit seinem Rücktritt aus der St. Galler Regierung mit 67 Jahren hat er nie mehr einen Fuss ins Bildungsdepartement gesetzt. «Es gibt aber nirgends so viel politischen Spielraum wie hier.»

Aktuelle Nachrichten