Der Bauer vom Sittertobel

ST.GALLEN. Max Gmür lebt seit zwanzig Jahren als Landwirt im Sittertobel. Aus dem «typischen Bauern» ist inzwischen ein eingefleischter OpenAir-Fan geworden. Die Wochen vor dem Festival sind für ihn das Highlight des Jahres.

Sarah Schmalz
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«OpenAir-Bauern»: Max Gmür hilft bei den Aufbauarbeiten, wo er kann. Die Festivalzeit ist für ihn die beste Zeit des Jahres. (Bild: Urs Jaudas)

«OpenAir-Bauern»: Max Gmür hilft bei den Aufbauarbeiten, wo er kann. Die Festivalzeit ist für ihn die beste Zeit des Jahres. (Bild: Urs Jaudas)

Max Gmür empfängt den Besuch in Latzhosen über nacktem Oberkörper und ausgefranstem Sommerhemd. Der Bauer ist «im Schuss». Die «Büscheli» werden im Sittertobel angeliefert: Holz, welches Gmür während des OpenAir verkauft. In seinen Geländewagen steigend, fordert er Journalistin und Fotografen auf, kurz auf der «Veranda» Platz zu nehmen. Er sei gleich wieder da. «Muss die Leute nur kurz einweisen.»

Tratschende Männer

Es ist Donnerstag. Eine Woche noch, dann werden wieder Abertausende ins Sittertobel pilgern, ausgerüstet mit Strohhüten und Klappstühlen, Kühlboxen und Leiterwägeli. Das Jack-Daniels-Zelt steht bereits, der Bacardi-Dome und die M-Budget-Lounge. Inmitten des Konsumtempel-Einerleis ist Gmürs «Veranda» eine Oase aus urchigem Echtholz. Ein von massiven Baumstämmen gestützter Steg führt über die OpenAir-Wiese zu einem runden Pavillon mit Blick auf die Bühne.

Zurück von seinem Einsatz droht Gmür, mit Schalk in den Augen: «Bei den vielen Stories, die ich Euch zu erzählen habe, kommt Ihr hier nicht so schnell wieder weg.» Gmürs Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus. Sie handeln vom «Edelweiss-Blick», der angesäuselten Landjugend, von umgekippten Traktoren und auf den Pissoirs tratschenden Männern. Dabei heisse es doch immer, nur Frauen gingen zusammen auf Toilette. «Ou, da schribsch aber nöd uf!», ruft der 54-Jährige immer wieder aus. Um dann munter weiterzuplaudern.

Seit 20 Jahren bauert Gmür auf dem OpenAir-Gelände. Sein Wohnhaus steht am Ende der Rechenwaldstrasse, etwa 100 Meter von der Bühne entfernt. Vor ihm lebte ein anderer hier. «Dem war der ganze Trubel zu viel.» Landwirt Gmür versorgte damals das OpenAir mit Strohballen, die er auf seinem Hof fabrizierte.

«Ein typischer Bauer»

Gmür sagt es flüsternd: «Damals haben sie mich schon ein bisschen verschreckt, die Punks und die Tätowierten, die am OpenAir gearbeitet haben.» Er sei halt ein typischer Bauer gewesen. «Ich hatte eine falsche Vorstellung von den Leuten.» Heute ist Gmür fester Bestandteil der Helfer-Truppe, und nach den einsamen Wintermonaten ist die OpenAir-Zeit für den Familienvater nicht einfach ein geduldeter Ausnahmezustand. «Fun-Zustand ist das richtige Wort.»

Längst trägt der Landwirt weit mehr zum OpenAir bei, als die Stadt bei der Übernahme des Hofs von ihm verlangte: Das Mähen des 18 Hektaren grossen Landes und dessen Renaturierung nach dem Festival. Nebst der Mithilfe bei An- und Abbau und dem Verkauf von Strohballen und Holz, schenkt er auf seiner Terrasse den Helfern Bier aus. Seine «Dirndl-Girls» sorgen auch im hinteren, für alle OpenAir-Besucher offenen Bereich, für Festhüttenstimmung. Die Kommerzialisierung des Festivals nimmt Gmür gelassen: «Früher hiess es ja immer: Da unten hocken nur die Hascher.» Heute seien hier alle Schichten vertreten. «Hier unten ist jeder frei. Das Chaos und die Einfachheit sorgen für Leben.»

Das OpenAir macht auch Max Gmür ein Stückchen freier. Mit dem Geld, das er von der Stadt für seine Arbeit erhält, kann er sich über die Sommermonate «einen super Knecht» leisten, der ihm das Melken seiner 25 Kühe abnimmt. «Ich bin eine Nachteule und bleibe morgens gerne lange liegen.»

Zurück zur Normalität

Blickt Gmür am Montagmorgen nach der grossen Party aufs Festivalgelände, muss er erst einmal «dreimal tief schnaufen». Dann heisse es: «Power. Bist du erst einmal drin, ist das Aufräumen irgendwie geil.»

Nach dem grossen Saubermachen kehrt für den Landwirt der Alltag als «ganz normaler Biobauer» ein Auf dem OpenAir-Boden wachse extrem schmackhaftes Gras, sagt der Experte.