Der Bartgeier hat Flugwetter

Sardona, Kira und Ingenius: So heissen die drei jungen Bartgeier, die am Sonntag im Sarganserland ausgesetzt werden. Es sind die ersten drei ihrer Art, welche die Nordalpen wieder besiedeln sollen.

Markus Wehrli
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Vättis. Er hat flammend rote Augen und eine Flügelspannweite von fast drei Metern: der Bartgeier, der bald wieder über den Ostschweizer Alpen kreisen wird. Rund hundert Jahre hat man den Vogel hier nicht mehr gesehen. Der imposante Bewohner des Alpenraums wurde verfolgt, war als Dieb – als Lämmergeier, der junge Schafe von den Alpen holt – verschrien und wurde schliesslich ganz ausgerottet. Nun soll der mächtige Greifvogel auch im nördlichen Alpenraum wieder heimisch werden. Am kommenden Sonntag ist es so weit.

Hauptakteure sind – nebst vielen Fachleuten und Helfern – Sardona, Kira und Ingenius, drei Jungvögel aus dem Natur- und Tierpark Goldau in der Nähe von Schwyz.

Calfeisental – idealer Standort

Ausgewildert werden die Küken im Calfeisental oberhalb von Vättis. «Hier sind die Lebensbedingungen für die Vögel ideal», sagt Daniel Hegglin.

Er ist Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier, die sich in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen für die Wiederansiedlung des Vogels einsetzt und auch das Projekt im Sarganserland an die Hand nimmt.

Zu den vorzüglichen Lebensbedingungen im Calfeisental zählen insbesondere die guten Tierbestände und damit die zahlreichen Kadaver, von denen sich Bartgeier ernähren. «Zudem ist die Überwachung hier hinten im Tal relativ einfach», sagt Hegglin.

Die Überwachung hat einen besonderen Grund: Die Jungvögel sind rund vier Monate alt und können noch nicht fliegen. Für die kommenden acht bis zehn Wochen werden sie deshalb von einem Überwachungsteam gefüttert. «Im Verlauf des Sommers werden die Tiere ausfliegen und lernen, ihr Futter zu suchen», sagt Hegglin. Bartgeier ernähren sich – ganz entgegen ihrem überwundenen Ruf als Lämmergeier – von Aas und von den Knochen verendeter Wildtiere.

Erste Bartgeier der Nordalpen

Die Auswilderung hoch oben bei den Grauen Hörnern ist nur eine weitere Etappe auf dem Weg der Wiederansiedelung im Alpenraum. Seit 1987 hat die Stiftung Pro Bartgeier hier 160 junge Bartgeier ausgewildert. Dank dieser Anstrengungen haben sich unterdessen weitere Teilpopulationen im Raum Engadin, in den Hochsavoyer Alpen und in den Walliser Bergen gebildet.

Heute ist der Bartgeier im gesamten Alpenraum zwischen Österreich, Italien, der Schweiz und Frankreich ansässig. «Das Projekt im Sarganserland ist aber die erste Ansiedelung im Gebiet der Schweizer Nordalpen», sagt Daniel Hegglin.

Auch wenn die Stiftung mit der Auswilderung im Sarganserland ihrem Ziel einen grossen Schritt nähergekommen ist: Abgeschlossen ist das Projekt damit nicht.

«Um den dauerhaften Erfolg zu sichern, müssen wir die genetische Basis der Wildpopulation vergrössern und dazu die Besiedelung auch weiterhin fördern», sagt Hegglin. Hierzu sollen in den kommenden Jahren zwei bis drei Vögel jährlich ausgesetzt werden. Startschuss für diese wichtige Etappe ist der kommende Sonntag.

Nur ein Schweizer Küken

Die drei Stars der Auswilderung werden wohl vom Tierpark Goldau her ins Tal hochgefahren und dort zur Felsnische getragen.

Aber nur ein Bartgeierküken – nämlich Sardona – wurde auch im Goldauer Tierpark geboren. Sardona schlüpfte am 1. März dieses Jahres, seine Eltern Mascha und Hans sind eines der drei Zuchtpaare des Tierparks. Das zweite Küken Kira stammt aus Spanien; Ingenius schliesslich, der Dritte im Bund, stammt aus Tschechien. «Damit sich die drei nicht erst im Horst kennenlernen müssen, sind sie vor ein paar Tagen im Tierpark zusammengebracht worden», sagt Hegglin. Die jungen Vögel wiegen gegenwärtig rund fünf Kilo.

Ihre unterschiedliche Herkunft soll dazu dienen, die genetische Basis der Population möglichst breit zu halten.

40 Prozent sterben

Eines ist klar: Nicht alle Bartgeier überleben eine Auswilderung auch. Ausgesetzt wurden seit 1987 insgesamt 160 Tiere. 58 Küken sind in der Folge in der freien Wildbahn geschlüpft, heute sind es gemäss den Schätzungen von Hegglin aber nur rund 130 bis 140 Tiere, die den Alpenraum besiedeln. «40 Prozent der ausgewilderten Tiere sterben», erklärt Hegglin.

Die Zahl mag auf den ersten Blick erschrecken. Die Sterblichkeit bewege sich aber im Rahmen der natürlichen Bedingungen. «Das ist Natur pur, die hier herrscht», sagt Hegglin.

Rückkehr nach Jugendzeit

Ebenso ist bereits jetzt klar, dass vor allem der erste Winter den Jungvögeln zu schaffen machen wird. «Die Vögel sind einerseits noch unerfahren.

Andererseits wird besonders der Anfang des Winters schwierig, wenn bereits viel Schnee liegt, aber das Nahrungsangebot an Aas noch knapp ist», sagt Hegglin. Immerhin liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die ausgewilderten Vögel das erste Jahr überleben, bei knapp unter 90 Prozent. In den darauffolgenden Jahren steigt sie auf 95 Prozent. In freier Wildbahn können Bartgeier über 30 Jahre alt werden, in einem Gehege gar zwischen 40 und 50 Jahre.

Das Calfeisental wird für die Greifvögel aber bestimmend bleiben. Im oberen Teil ist das Tal ein sogenanntes Jagdbanngebiet, ein geschützter Ort für Wildhuftiere, die hier weitgehend ungestörte Rückzugsräume finden. Vor genau 99 Jahren nahm hier bereits die Wiederansiedelung des Steinbocks ihren Anfang. Das Calfeisental ist nicht nur in dieser Hinsicht besonders. Sind die jungen Bartgeier einmal ausgewachsen, werden sie sich in den Alpenraum ausbreiten. «Mit fünf bis sieben Jahren werden die Tiere aber geschlechtsreif.

Dann kehren sie zurück, um sich hier zu vermehren», sagt Hegglin.