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Der Aufdecker vom Dienst

Hans Fässler liebt die Auseinandersetzung wie wenige heutzutage. Politisch gross geworden ist der St. Galler Sozialdemokrat im Kalten Krieg. Doch obwohl diese Zeit längst vorbei ist, fördert Fässler weiter unbequeme Wahrheiten ans Tageslicht – zum Beispiel über den Naturforscher Louis Agassiz. Rolf App
Hans Fässler: Der Mann, der manchmal auf Granit beisst und nun den Ruf des Geologen Louis Agassiz erschüttert, in der Mineraliensammlung der Kanti Trogen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hans Fässler: Der Mann, der manchmal auf Granit beisst und nun den Ruf des Geologen Louis Agassiz erschüttert, in der Mineraliensammlung der Kanti Trogen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hans Fässler sitzt im Lehrerzimmer der Kantonsschule Trogen und wirkt ganz zufrieden. Seine Ausstellung ist klein, sie findet nicht in einer Metropole statt, sondern auf dem Land, in Grindelwald im Berner Oberland. Doch das Interesse in den Medien ist gross: Ein Journalist der deutschen «Zeit» war schon bei ihm, und im «Boston Globe» ist ein grosser Artikel erschienen.

Der Forscher als Rassist

Grindelwald: Das ist eine der drei Gemeinden, auf deren Territorium das Agassizhorn liegt. Diesen Berg hat Fässler umbenennen wollen. Denn Louis Agassiz, der von 1807 bis 1873 lebte, war nicht nur ein bedeutender Geologe und Naturforscher – sondern auch ein heftiger Verfechter der Überlegenheit der weissen Rasse. Mehr noch: Agassiz bekämpfte vehement jede Vermischung der Rassen. Und prägte mit diesem Gedankengut in Harvard, wo er in der zweiten Lebenshälfte lehrte, nicht nur eine ganze Studentengeneration, sondern über diese auch den deutschen Nationalsozialismus. Auf einer Tafel werden in der Ausstellung Zitate von Agassiz und Hitler aneinandergereiht – der Besucher kann dann raten, was von wem stammt. Was dabei auffällt, ist die enorme geistige Nähe zwischen den beiden.

Der Kompromissbereite

Die Ausstellung ist ein Kompromiss. Eine Umbenennung des Agassizhorns hat Grindelwald ebenso abgelehnt wie die Taufe eines benachbarten, namenlosen Bergs auf den Namen Rentyhorn – nach einem der Sklaven, die Agassiz zum Beweis seiner Theorie hat ablichten lassen. «Irgendwann wurde klar, dass sich auf beiden Seiten etwas bewegen muss», sagt Fässler. «So griffen wir die früher vom Gemeindepräsidenten skizzierte Idee einer Ausstellung wieder auf.»

Seine Milde erstaunt bei einem Mann wie dem 58jährigen Fässler, der in Zeitungsartikeln und Leserbriefen die Dinge gern zuspitzt – ob es nun um das Gallusjubiläum geht oder um dunkle Kapitel der Ostschweizer Geschichte wie die Behandlung des Flüchtlingshelfers Paul Grüninger. Oder um die Rolle hiesiger Unternehmer im Sklavenhandel.

Der scharfe, unerbittliche Kritiker stellt freilich nur eine Facette dar, den öffentlichkeitswirksamen Hans Fässler sozusagen. Die gerade zurückgetretene SP-Regierungsrätin Kathrin Hilber hat ihn im Kantonsparlament anders kennengelernt. Als Parteisekretär, der es gut verstanden habe, unterschiedliche Positionen zusammenzubringen. Und der zur rechten Zeit erkannt habe, dass die SP Frauen in wichtige Ämter portieren muss.

Ein Lob von Ernst Rüesch

Doch steht vor dem Kompromiss die Auseinandersetzung, vor der Einigung müssen Positionen kenntlich gemacht werden. Und da hat Hans Fässler im freisinnigen Bildungsdirektor Ernst Rüesch in den Achtzigerjahren seinen «Lieblings-Sparringpartner» gefunden, an den er wegen dessen Wortgewandtheit und klarer Haltung noch heute mit einer gewissen Nostalgie zurückdenkt. Rüesch geht es ähnlich. Mit Hochachtung spricht er von Fässler. «Wir haben viele Kämpfe gehabt, vor allem in Militär- und Bildungsfragen», erinnert er sich. «Hans Fässler war Linkssozialist und Antimilitarist, ich konservativ, da sind wir natürlich aneinandergeraten.»

Verschleierte Gegensätze

Einmal zum Beispiel habe Fässler «eine Einfache Anfrage eingereicht mit der Frage: <Ist es möglich, dass gegen einen Lehrer, der Dienstverweigerer ist, im Kanton St. Gallen ein Verfahren eingeleitet werden kann?> Ich bin aufgestanden, habe mit einem knappen <Ja> geantwortet – und mich wieder hingesetzt.» Denn das alte Erziehungsgesetz habe die «vaterländische Erziehung» noch zum Zweck der Schule erklärt.

Derlei noch vom Kalten Krieg geprägten Gegensätze sucht man heute vergebens. Hans Fässler glaubt deshalb eher, dass sich das Umfeld verändert hat, als dass er selber altersmilde geworden sei. In der Tat: Wenn er über die Gegenwart spricht, fällt seine Analyse keineswegs schmeichelhaft aus. Er kritisiert, dass die wahren Gegensätze verschleiert und nicht mehr benannt würden. «Vielleicht geht der Euro samt einem Teil Europas unter, und was macht Europa? Europa schaut Fussball und freut sich über die Iren, weil die so schön singen.» Die wahren Gegensätze: In ihnen klingt eine Familiengeschichte nach, die Hans Fässler prägt, auch wenn er vom Vater als einem eher bürgerlich gesinnten Menschen spricht. «Er ist aus bäuerlichem Milieu gekommen und dann ein Büezer geworden. Er ist sich stets der Tatsache bewusst gewesen, dass es in unserer Gesellschaft neben <denen da oben> auch <die da unten> gibt. Das ist mir geblieben.»

Nur für eine kurze Zeit ist er in der Mittelschulzeit von dieser linken Grundhaltung abgewichen, als er einem kleinen, rechtsbürgerlichen Zirkel um Adrian Rüesch, Konrad Hummler und Valentin Landmann angehörte und mit ihnen eine linke Zusammenkunft bespitzelt hat (die dann auch Eingang fand in die Akten des Staatsschutzes).

Kampf gegen das Verdrängen

Das blieb freilich Episode. Will man Hans Fässlers Antrieb auf eine Formel bringen, so ist es der Kampf gegen das Verdrängen gesellschaftlicher und ökonomischer Gegensätze, der ihn treibt. Auch die dunkle Seite von Louis Agassiz wird verdrängt.

Und auch die Ostschweiz soll sie zu sehen bekommen. Zwar hat sich der St. Galler Stadtrat geweigert, die Ausstellung zu unterstützen, und auch Natur- wie Historisches Museum haben abgewinkt («mit etwas gequälten Argumenten», wie Fässler sagt). Doch mit der Kunsthalle könnte es vielleicht klappen.

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