Deponien sind zu früh voll

ST.GALLEN. Die Bautätigkeit der letzten Jahre bringt den Kanton St. Gallen in Not. Das Fassungsvermögen der Deponien für unverschmutzten Aushub nimmt stetig ab. Bei der Grossdeponie Tüfentobel in St.Gallen ist 2020 Schluss.

Christoph Zweili
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Im Kanton St.Gallen wird gebaut. Und wo gebaut wird, viel gebaut, wie etwa in der Region St.Gallen-Rorschach, da fällt entsprechend Dreck an. Sogenannt sauberer Aushub, der in Deponien entsorgt werden muss. Angesichts der Menge läutet der Kanton jetzt die Alarmglocken, nicht zum ersten Mal: Seit 1996 hat sich das Aushubmaterial verzehnfacht. In den letzten Jahren fallen jährlich zwischen 1 und 1,5 Millionen Kubikmeter an; das sind zwei bis drei Kubikmeter pro Kopf der ständigen Wohnbevölkerung.

Die Folge: Die bestehenden Deponien sind früher voll als geplant. «Das wird auch für die nächsten 10 bis 15 Jahre so bleiben», sagt der St.Galler Bauchef Willi Haag. Seit 2009 nimmt das verfügbare Volumen in den Deponien stetig ab – allein in der Region St.Gallen-Rorschach fallen jährlich 420 000 Kubikmeter Aushub an. In der Region Rheintal-Sargans-Werdenberg wurde 2012 gar ein kritischer Zustand erreicht. «Heute hat sich die Situation wieder etwas entspannt», sagt Christoph Heuberger, Deponieplaner im Kanton St.Gallen.

Deponien im ganzen Kanton

Im Kanton St.Gallen gibt es sechs Deponien für unverschmutzten Aushub in den Gemeinden Flums, Oberriet, St.Gallen, Wartau, Pfäfers und Wildhaus-Alt St. Johann. Hier wurde die Hälfte des anfallenden Materials eingelagert. Der Rest wurde in rund 20 Materialabbaustellen im Kanton deponiert. Regierungsrat Haag steht zum Modell, die Deponien auf das ganze Kantonsgebiet zu verteilen, «damit wir den Dreck nicht durch den halben Kanton fahren müssen» (siehe Grafik). Er solle möglichst dort gelagert werden, wo er anfalle: «Alles andere ist blanker Unsinn.»

Akuter Handlungsbedarf besteht vor allem in der Region St.Gallen-Rorschach. Hier erreicht die Deponie Tüfentobel zwischen St.Gallen, Abtwil und Engelburg voraussichtlich 2020 ihr Fassungsvermögen. Derart unter Druck, intensivierte der Kanton, seit 2010 für die Deponieplanung zuständig, die Suche nach neuen Standorten.

Inzwischen wurden im ganzen Kanton 200 neue Standorte gesichtet. Acht weitere Deponiestandorte wurden vom Kanton vorgeprüft und zum Teil in den Gemeinden Amden, Benken, Gommiswald-Kaltbrunn, Walenstadt, Oberriet, Rüthi, Mörschwil und Waldkirch aufgelegt.

Viele kleinere Deponien

Elf weitere Standorte in den Gemeinden Quarten, Buchs, Rüthi, Mörschwil, Wittenbach, Oberbüren, Bütschwil, Kaltbrunn und Häggenschwil sind geplant und zum Teil bereits im Richtplan eingetragen. Über zwei weitere Standorte schweigt sich Heuberger aus – «hier wurde die Bevölkerung noch nicht informiert.» Können die geplanten Deponien in Betrieb genommen werden, kann der Notstand in den nächsten Jahren entschärft werden. «Wie viele weitere Deponien langfristig benötigt werden, hängt von der künftigen Bautätigkeit ab», hiess es gestern vor den Medien.

Noch sieht sich der Kanton im Dilemma: Nur rund ein Viertel der Standorte wurde punkto Erschliessung geprüft. Der Grossteil der möglichen Standorte hat ein Potenzial von je 100 000 bis 600 000 Kubikmetern und demnach nur eine kurze Betriebsdauer. «Unter den gesichteten Deponiestandorten sind nur wenige mit einem grösseren Volumen von ein bis zwei Millionen Kubikmetern», sagt Deponieplaner Heuberger.

Zwei Szenarien angedacht

In fünf Jahren ist die Grossdeponie Tüfentobel endgültig voll. Da stellt sich heute schon die Frage nach dem richtigen Ansatz: Noch eine Gross- oder mehrere kleinere und mittlere Deponien wie zum Beispiel Riederen und Unterbüel in Mörschwil betreiben? Der Kanton verfolgt beide Szenarien. Die Pläne, im Steinachtobel Aushubmaterial zu lagern, werden seit 2012 konkretisiert. Noch in diesem Monat wird mit der Detailplanung begonnen. Sie soll auch aufzeigen, ob eine Verlegung des Flusses möglich ist. Im Tobel hätten rund 17 Millionen Kubikmeter Material Platz «und die Versorgungssicherheit wäre für viele Jahre gewährleistet», sagt Heuberger. «Kann die Grossdeponie im Steinachtobel nicht realisiert werden, müssten auf längere Sicht 10 bis 20 kleinere Deponien im Grossraum St.Gallen geschaffen werden.»

Der St.Galler Bauchef betonte gestern mehrfach den «langen und steinigen Weg» bei der Deponieplanung. Die Suche nach Standorten sei nicht einfach, das Baudepartement oft im Spagat zwischen privaten Grundeigentümern, Gemeinden und dem Baumeisterverband. «Je grösser die Deponie, desto mehr Widerstand ist zu erwarten. Niemand will den Dreck der andern vor der eigenen Haustür, selbst wenn es sich um unverschmutzten Aushub handelt.» In dicht besiedeltem Gebiet entzünde sich der Widerstand oft auch an den Lastwagenfahrten auf dem Weg zur Deponie. «Das Problem müssen wir allerdings selber lösen. Wir können es nicht andern zuschieben», sagt Haag.

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